Kurdistan unterm Bus

Jeder, der nicht gerade für die Präsidentschaftskandidatur der Republicans kandidiert, wird der Aussage zustimmen, dass der Mittlere Osten ein hochkomplexes Beziehungsgefüge ist, in dem einfache Lösungen kaum zu finden sind. Vor einem Jahr beschrieb ich, dass es sich bei ISIS effektiv um einen Hype handelt und dass die Terrormiliz sich nur ziemlich gut darauf versteht, politische Vakuums zu erkennen und in diese vorzustoßen. Ernsthafter Widerstand, wie er ihnen etwa von der Armee Assads oder den YPG-Einheiten der kurdischen Peshmerga entgegengebracht wird, wird von ihnen kaum überwunden. Die Kurden sind sogar, unterstützt von Luftschlägen der US Air Force, in die Offensive gegangen und haben die syrische Grenzstadt Tal Abyad sowie die irakische Region Sinjar erobert, was die syrische ISIS logistisch von ihrem irakischen Ableger trennt und den schmerzhaft in den lukrativen Ölschmuggel einschneidet. Gleichzeitig debattieren die NATO-Länder ständig um den sprichwörtlichen elephant in the room herum, dass niemand Bodentruppen in die Region entsenden will. Warum also verbündet man sich nicht stärker mit den Kurden?

Auf den ersten Blick macht das eine ganze Menge Sinn. Die Kurden kommen dem, was man im Mittleren Osten als good guys bezeichnen könnte, noch am nähesten, auch wenn sich jedem türkischen Innenminister bei dem Gedanken sofort die Zehennägel kräuseln – hielt die kurdische Terrororganisation PKK das Land doch zwischen 1978 und 2012 unter permanenter Anspannung. Die Kurden, die mehrheitlich dem sunnitischen Islam anhängen, haben sich gleichwohl von ihren Glaubensbrüdern in der Region deutlich distanziert und pflegen genau den moderaten Islam, der hierzulande immer als Integrationsvoraussetzung formuliert wird. Angesichts des Vormarsches radikaler Terrorgruppen haben sie in den kurdischen Autonomiegebieten die rechtliche Gleichstellung der Frau weiter vorangetrieben als fast jedes andere muslimische Land, und sie sind in ihrer gesamten Wertehaltung und ihrem Lebensstil westlich geprägt und neigen diesem auch politisch zu. Warum also unterstützt man nicht die Kurden?

Der Schlüssel liegt in dem vorher gebrauchten Begriff von den „Autonomiegebieten“. Die Kurden besitzen nämlich keinen eigenen Staat. Stattdessen ist die zwischen 20 und 30 Millionen Köpfe zählende Volksgruppe über die Türkei, Syrien, den Irak, Armenien und den Iran verteilt. Und keines dieser Länder hat ein Interesse daran, Land und Bevölkerung an einen neuen Rivalen zu verlieren, und ein Rivale wäre dieses Kurdistan zweifellos. Während der Irak und Syrien sich inzwischen der normativen Kraft des Faktischen kaum mehr entziehen können, weil die Kurden hier praktisch bereits autonom sind und es keine Zentralregierung mehr gibt, die stark genug wäre, ihnen diesen Status zu entreißen, sieht die Lage in der Türkei ganz anders aus. Aber selbst wenn man die Türkei erst einmal für einen Absatz aus der Rechnung entfernt, ist die Lage für die Kurden nicht sonderlich rosig.

Zwar arbeiten sie gerade mit den Amerikanern zusammen. Aber die USA dürften kein großes Interesse daran haben, die Kurden aus dem Irak herauszulösen. Irak hat ohnehin eine mehrheitlich schiitische Bevölkerung (rund 60%), und wenn die Kurden (rund 18%) den Staat verließen, wäre der Irak nur noch ein hilfloser Teil der Schia-Achse, die sich von Libanon über Syrien und Irak nach Iran erstreckt und politisch auf Teheran ausgerichtet ist. Ein Irak, der kaum mehr als ein Satellitenstaat Teherans wäre, ein Syrien, das wechselseitig Teheran und Moskau verpflichtet ist und der Libanon, dessen mächtige Hisbollah-Miliz immer noch aus Iran finanziert wird – ein geopolitischer Albtraum für Washington. Und Syrien hat gerade Unterstützung aus Russland erhalten, das es zum Ziel erklärt hat, Assad als Herrscher des ganzen Syrien zu restituieren. Alle kurzfristigen Erfolge der Peshmerga können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie im Zweifel wenig gegen die vereinte Stärke von Assad und Putin ausrichten kann.

Aber dann ist da noch die Türkei. Die ist nicht nur kein Gegner der USA (wie Syrien) oder ein effektives Protektorat (wie Irak), sondern eine souveräne Nation und, entscheidend, NATO-Mitglied. Und während ein westlich orientiertes Kurdistan alle möglichen strategischen Vorteile brächte, so wiegen keine davon den Verlust der Türkei auf. Und Präsident Erdogan hat bisher wenig Zweifel daran gelassen, was er von der Idee eines unabhängigen Kurdistan hält: Nichts. Mehr noch, er hat – trotz Terroranschläge innerhalb der Türkei – auffallend wenig unternommen, um in den Bürgerkrieg jenseits seiner Grenzen einzugreifen oder gegen den IS vorzugehen. Stattdessen versucht er aktiv, einen ethnischen Sperrgürtel zwischen die in der Türkei lebenden Kurden und die Kurden des Iraks und Syriens zu ziehen. Gleichzeitig bombardiert die türkische Luftwaffe kaum verhohlen unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung kurdische Stellungen und finden Öl und Waffen für den IS auffallend einfach ihren Weg über die türkische Grenze.

Obwohl die Peshmerga gegen den IS 2015 so große Erfolge feiern konnte wie kein anderer Kriegsteilnehmer, stellt das Jahr für sie gleichzeitig auch einen großen strategischen Rückschlag dar. Denn die Flüchtlingskrise, die Europa gerade in Atem hält, ist eine Katastrophe für die Kurden. Europa ist normalerweise nicht so sehr wie die USA in das great game der Geopolitik eingebunden und würde vielleicht den strategischen Wert der Türkei etwas niedriger hängen. Aber die Flüchtlingskrise macht Erdogan zu einem gefragten Gesprächspartner, denn er ist der einzige, der den ständigen Zustrom stoppen kann – indem er seine Grenzen sichert, was er bislang kaum tut, solange die Flüchtlinge nur weiter ziehen. Entsprechend stehen die Europäer gerade als Bittsteller vor der Tür, und Erdogan wird sich seine Kooperation teuer bezahlen lassen – in harten Euros sicherlich, aber vermutlich auch auf anderem Gebiet.

Die militärische Hilfe der Türkei ist genug für die USA, die polizeiliche Hilfe gegen Flüchtlinge ist genug für Europa. In keinem dieser Abkommen ist Platz für ein freies Kurdistan. Es sollte daher niemanden überraschen, wenn die Kurden letztlich vom Westen unter den Bus geworfen werden – ein Opfer für größere Ziele, das man leicht zu bringen bereit ist. Wer weiß schon etwas über die Kurden oder kümmert sich um ihr Schicksal?

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  • Blechmann 18. November 2015, 01:56

    Fragt sich nur, wer in diesem Fall der Bus ist. Erdogan kann die Kurdengebiete schlecht annektieren oder besetzen (würde wahrscheinlich die türk. Kurden in den Aufstand treiben). Der Irak, Syrien und der IS sind zu schwach die Kurden niederzuwerfen. Damit ist eigentlich niemand mehr übrig, der die Kurden überrollen könnte, um im Bild zu bleiben.

    • Stefan Sasse 18. November 2015, 09:35

      Die werden auch nicht überrollt, das ist ja gar nicht nötig. Der Status Quo wäre für sie eine Niederlage.

  • Stefan O. W. Weiß 18. November 2015, 08:00

    Im wesentlichen sehe ich das auch so. Allerdings haben die Kurden doch einen Trumpf. Sie sind die einzigen, die nicht in der Luft, sondern auf dem Boden gegen den ISIS aktiv sind und die (anders als Putin) prowestlich sind. Wenn der Westen also die Drecksarbeit nicht selbst machen will, und danach sieht es momentan zumindest aus, dann wird er doch nicht darum herum kommen, die Kurden zu unterstützen.

    • Stefan Sasse 18. November 2015, 09:36

      Oh, der Westen unterstützt sie ja auch. Nur halt nicht bei ihrem eigentlichen Ziel, sondern nur bei dem Überlebenskampf, in den sie ohnehin verstrickt sind, ob sie es wollen oder nicht.

  • CitizenK 18. November 2015, 08:35

    Die Kurden wurden, auch von den Westmächten, um den eigenen Staat betrogen, der ihnen bereits versprochen war. Das ist bekannt.

    Aber, Wissensfrage: Was unterscheidet die kurdische Kultur so stark von der Kultur der Länder, in denen sie leben, dass sie sich nicht integrieren (sic!) wollen?

  • Kirkd 18. November 2015, 09:47

    Soviel Sympathie ich für die kurdische Sache habe, so sehr halte ich die Waffenlieferung an die und militäische Unterstüzung der Kurden für einen Fehler. Wenn ich in der Region zwei failed States habe, dann bringe ich nicht eine Volksgruppe auf die militäische Agenda, die eine relevante Minderheit in zwei der stabilsten und einflussreichsten Staatswesen der Region, Iran und Türkei, sind.

    • Stefan Sasse 18. November 2015, 13:16

      Du arbeitest halt nicht mit dem was du gerne hättest, sondern mit dem was du hast.

      • Kirkd 18. November 2015, 15:38

        Für mich stellt sich „halt“ die Frage, ob Kurdistan das ist, was man gerne hätte, aber nicht das, was man haben kann. Zudem stellt sich die Frage, ob dadurch die Lage nicht noch komplizierter bzw. verschlimmert wird.

        • Stefan Sasse 18. November 2015, 17:06

          Noch komplizierter erscheint kaum mehr möglich. Davon abgesehen: Die Frage stellt sich nicht wirklich. Kurdistan ist nicht zu haben, ohne dass der Irak auseinanderbricht und ein reiner Satellit des Iran wird und ohne dass die Türkei Territorium und Einwohner verliert. Beides ist aus Sicht der NATO-Partner nichts, was hinzunehmen wäre, weswegen sie sich kaum dafür einsetzen werden – und die Kurden letztlich als Einsatz im Verhandeln mit einem der vielen anderen Einflussfaktoren verlieren werden.

  • Ralf 18. November 2015, 19:25

    wenn die Kurden (rund 18%) den Staat verließen, wäre der Irak nur noch ein hilfloser Teil der Schia-Achse, die sich von Libanon über Syrien und Irak nach Iran erstreckt und politisch auf Teheran ausgerichtet ist. Ein Irak, der kaum mehr als ein Satellitenstaat Teherans wäre, ein Syrien, das wechselseitig Teheran und Moskau verpflichtet ist und der Libanon, dessen mächtige Hisbollah-Miliz immer noch aus Iran finanziert wird – ein geopolitischer Albtraum für Washington. […] oder ein effektives Protektorat (wie Irak)

    Du bist da etwas spaet dran. Alles was Du hier als moegliches „Alptraum-Szenario“ der Zukunft beschreibst, ist bereits heute Realitaet. Der Irak ist nicht ein effektives Protektorat der USA sondern ein effektives Protektorat des Iran.

    dass die Terrormiliz sich nur ziemlich gut darauf versteht, politische Vakuums zu erkennen

    Kann es mir nicht verkneifen darauf hinzuweisen, dass der Plural von Vakuum nicht Vakuums ist … 😉

    http://www.duden.de/rechtschreibung/Vakuum

    • Stefan Sasse 19. November 2015, 07:10

      Bin ich Deutschlehrer oder was?! 😛

      Und ja, der Irak tendiert bereits heute stark in den iranischen Einflussbereich. Aber solange die Kurden hoch Teil des Staatsgebildes sind, behalten sie zumindest eine Veto-Macht und können Einfluss auf die Entwicklung nehmen. Das ist nicht mehr der Fall, wenn sie sich abspalten, in welchem Falle Irak endgültig ein iranischer Satellit wird.

  • Ariane 19. November 2015, 06:31

    Alles richtig, was du schreibst und ich halte das für eine große Tragödie (auch wenn ich nicht der größte Freund von Autonomiebestrebungen bin). Es wird kein Kurdistan auf dem Boden des Irak + Türkei + Syrien geben.
    Trotzdem muss ich Ralf teilweise zustimmen, man wird sehen müssen, wie sich das im Irak mittelfristig entwickelt. Immerhin sind die Kurden keine durchgeknallten Kalifatsbarbaren, die den nahen Osten terrorisieren und überall wo sie hinkommen Menschen abschlachten. Also gerade wenn der Westen da nicht mit eigenen Bodentruppen hin will, müssen sie die Kurden weiterhin militärisch unterstützen, auch wenn sie ihnen nicht faktisch einen Staat versprechen können. Der Westen wird wohl nicht groß aufbegehren, wenn die Türkei nebenbei Kurden beschießt und die Russen lieber Assad helfen, aber sie werden die Kurden trotzdem militärisch unterstützen und sie hätten vielleicht damit eine Chance, sich zumindest im Irak ein festes Gebiet zu sichern, auch wenn das wohl nicht als Staat anerkannt werden wird. Vermutlich läuft das ähnlich ab wie mit der Krim, die Fakten sind andere als offiziell verlautbart. Und im Irak gibts sonst eh nur die Alternativen mit durchgeknallten Kalifatsterroristen oder Satellitenstaat des Iran. Das ist sicher nicht das, was alle Parteien wollen, aber im Moment denke ich, dass alle damit halbwegs leben könnten (außer vielleicht die Türkei, aber solange der IS sich im Westen austobt, werden sie auch nicht viel unternehmen können).

    • Stefan Sasse 19. November 2015, 07:23

      Im Irak zumindest sind sie effektiv autonom, und ich sehe nicht, wie sich diese Situation so schnell ändern sollte. Die Sunnis werden sicherlich keiner Shia-Regierung den Gefallen tun, das Gebiet zurückzuerobern, und die Shia-Regierung ihrerseits dürfte kaum Interesse daran haben, einen neuen Bürgerkrieg zu starten.

      Die Lage ist weniger rosig was die Kurden in Syrien und in der Türkei betrifft. Ich sehe nicht, wie Assad ein Abkommen schließt das den Kurden Minderheitenrechte und Autonomiestatus innerhalb eines wiederhergestellten Syrien zugesteht, obwohl das natürlich Teil eines Friedensabkommens sein könnte, das auch der Westen unterstützt (scheint mir aber eher unwahrscheinlich). Wahrscheinlicher ist da eher, dass das syrische Militär, unterstützt von Russland und Türkei, die Kurden in die Unterwerfung bombt. In der Türkei selbst hängt viel davon ab, ob es die kurdische Parlamentspartei schafft, eine breite Koalition beizubehalten und ein permanenter Machtfaktor im türkischen Parlament zu werden. Dann könnten sie auch in der Türkei langsam entsprechende Rechte sichern, so dass die Mehrheit der kurdischen Bevölkerung zumindest sicher und in erträglichen Verhältnissen, wenngleich in drei Staaten, lebt. (Und da haben wir die iranischen und armenischen Kurden noch gar nicht besprochen.)

      Das wäre aber aus meiner Sicht eher ein best-case-Szenario. Ich befürchte, dass die Zukunft Kurdistans düsterer ist.

      • Ariane 19. November 2015, 08:21

        Schwer vorherzusehen imo, weil es darauf ankommt, ob die Kurden unbedingt einen echten Staat wollen oder eher auf Realpolitik setzen und damit eine halbwegs erträgliche Lage schaffen könnten. Im Irak hätten sie viele Trümpfe in der Hand, sie sind die einzigen Bodenkämpfer gegen die Verrückten und wenn sie stillhalten, können sie den Iran eingrenzen. Evtl könnte der Westen ja versuchen, v.a. die Türkei im Zaum zu halten. Gerade wenn der IS weiterhin in der westlichen Welt aktiv ist, könnte das passieren. Theoretisch hätte ja sogar der Verteidigungsfall ausgelöst werden können und ich schätze, bevor das passiert, ist die Türkei eher zu Zugeständnissen bereit. So ein halber Bürgerkrieg im Süden der Türkei ist ja auch eher unpassend, wenn man gerade offiziell einen Krieg gegen den IS führt, weil die die westlichen Bürger in Angst und Schrecken versetzen.
        Syrien ist schwer vorherzusagen: Momentan kann ich mir auch schwer vorstellen, dass Assad wieder in den alten Staatsgrenzen fest im Sattel sitzt und das ganze Land irgendwie befriedet ist. Vielleicht wird das auch auf die „altmodische“ Art geregelt und die Kurden erobern noch weitere syrische Gebiete. Damit kriegen sie auch keinen echten kurdischen Staat, aber sie könnten immerhin ein halbwegs großes Gebiet haben, in dem sie soweit in Ruhe und in Frieden leben könnten.
        Wie gesagt, ist halt die Frage, ob auch die Kurden mit dem Best-Case-Szenario leben könnten und der Rest sie dann lassen würde.

        • Stefan Sasse 19. November 2015, 17:27

          Der Türkei müsste man Zugeständnisse teuer abkaufen, sehr teuer. Erdogan sitzt im Augenblick am deutlich längeren Hebel, denn die EU will eh bereits seine Hilfe bei der Flüchtlingsfrage. Darauf zu hoffen, dass auch noch das Fass „Kurdistan“ aufgemacht wird halte ich für…unwahrscheinlich.

          Und wie ich sagte, aktuell kann den Kurden militärisch keiner was, und mittelfristig können sie Gebiete erobern und halten. Aber wenn Rebellen und IS besiegt sind, wird Assad sich ihnen zuwenden und sie mit Hilfe Putins zurücktreiben.

      • Kirkd 19. November 2015, 09:14

        Aber das erreicht man nicht mit einer Militarisierung der Kurden.

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