Die Kandidaten 2016: Jeb Bush

  US Wahl Logo DDAls wir die Serie begonnen haben, hätte ich nicht damit gerechnet, dass ich irgendwann einmal Zeitdruck damit verspüren würde, Jeb Bush als Kandidaten zu analysieren. Ich habe selbst ziemlich selbstsicher die Prognose gewagt, dass er – sofern nicht eine größere Katastrophe dazwischen kommt – der republikanische Kandidat wird. Mit dieser Einschätzung stand ich nicht gerade allein. Im Frühsommer hatte Bush bereits über 100 Millionen Dollar an Wahlkampfspenden für seinen PAC „Right to Rise“ eingesammelt und schien das republikanische Establishment in der Tasche zu haben. Nun, am Tag nach der dritten republikanischen TV-Debatte, sieht es eher so aus, als würde er bald denselben Weg gehen wie Scott Walker und seine Kandidatur noch lange vor dem offiziellen Beginn der primaries im Februar zurückziehen müssen. Gab es eine Katastrophe? Oder war Bush nur viel schwächer, als es immer den Anschein hatte?

Der Vergleich Bushs mit Walker drängt sich aus mehreren Gründen auf. Zusammen mit Rubio waren die beiden von vornherein die „ernsthaften“ Kandidaten, die man sich tatsächlich – anders als die derzeit in Umfragen vorne liegenden Trump, Carson und Fiorina – im Wettstreit mit Hillary Clinton und im Weißen Haus vorstellen konnte. Und wenn es eine Formulierung gab, die in den Medien nach Scott Walkers Rückzieher in aller Munde war, dann die, dass er „auf dem Papier“ stark gewesen war. Dasselbe gilt auch für Bush. Eigentlich sollte er stark sein. Er ist es nur nicht. Die Frage ist nur, warum.

Walker etwa sJeb Bush by Gage Skidmore 2chien die Unterstützung der konservativ-evangelikalen sicher in der Hand zu haben. Als Gouverneur hatte er immer eine konfrontative, an der reinen Lehre ausgerichtete Politik betrieben. Ebenso Bush – zu Anfang des Wahlkampfs verwies er gerne auf seine Zeit als Gouverneur von Florida, in der der großzügigen Gebrauch vom Veto machte, das Budget zusammenstrich und die Steuern kürzte. In einem normalen Wahlkampf unter Politikern würde es ihren Gegnern auch schwerfallen, sie auf dieser Seite zu flankieren. Nur kämpfen sie nicht nur gegen andere Politiker, wie etwa Ted Cruz, Chris Christie und John Kasich. Sie kämpfen gegen Außenseiter wie Trump und Carson. Und niemand, der auch nur annähernd versucht, an seine spätere Wirkung im Duell gegen Clinton zu denken, kann stärkere Aussagen machen als sie.

Denn Trump und Carson sind vor allem eins: Showdarsteller. Sie müssen sich nicht darum kümmern, ob ihre Aussagen von fact checkern gegengeprüft werden. Als Bush verkündete, dass seine Wirtschaftspolitik, wenn er Präsident werden würde, für 4% Wachstum pro Jahr sorgen würde gab es in den Medien Kritik daran, wurde ihm vorgeworfen, Fantasiezahlen zu verkünden. Bei Trump und Carson macht sich kaum jemand überhaupt die Mühe, ihre Aussagen zu überprüfen – sie sind so offensichtlich Blödsinn, dass man sie erst gar nicht ernst nimmt. Aber sie ziehen die entsprechende Aufmerksamkeit völlig auf sich und bedienen das Element des „Washington Outsider„, des Nicht-Politischen. Genau das ist es, was die Wähler der Republicans gerade wollen. Einen radikalen Bruch, eine Entmachtung des Establishments. Und niemand verkörpert das Establishment so sehr wie Bush, der Darling der großen Spender und Parteieliten, der zwar zig Millionen von der Wallstreet bekommt, bei den Kleinspenden noch von Bobby Jindal überholt wird.

Dadurch hatte Bush von Anfang an deutlich weniger Wind in den Segeln. Es würde allerdings nur das Narrativ der Bush-Familie bestätigen, wenn man es bei dieser einfachen Beschreibung beließe. Ja, die Basis der Republicans ist gerade meilenweit davon entfernt, auch nur annähernd realistische Vorstellungen von ihren politischen Möglichkeiten zu haben. Aber es ist nicht so, dass diese Entwicklung wie aus heiterem Himmel über die Bushs kam. Die letzten beiden Präsidenten mit dem republikanischen Parteibuch hießen beide Bush. Es war von Anfang an offensichtlich, dass es zumindest ein wenig Widerstand von der Basis gegenüber der Idee geben würde, ausgerechnet den Bruder der beiden Präsidenten mit den niedrigsten Zustimmungswerten im letzten halben Jahrhundert zu nominieren. Nur war es vernünftig gewesen davon auszugehen, dass Bush eine Strategie für dieses Problem hätte.

Genau diese Annahme aber war offensichtlich falsch. Und ich muss zugeben dass mich das verblüfft. Wie kann jemand, der auf einen solchen kollektiven Erfahrungsschatz und so erfahrene Berater zurückblicken kann so unflexibel sein? Vor dem Eintritt Trumps in den Wahlkampf war Bushs Strategie eindeutig gewesen – und auch von ihm entsprechend formuliert: shock and awe hießt das Prinzip, in Anklang an die im Irakkrieg gewählte Strategie der US Army. Die gewaltige Überlegenheit Bushs in Wahlkampfspenden, in politischer Infrastruktur und in Insiderunterstützung sollte seine Konkurrenten noch vor der ersten Debatte in die Knie zwingen. Damals machte das Sinn: programmatisch passte und passt zwischen Rubio und Bush kaum ein Blatt Papier, und Bush hatte sämtliche Netzwerke und großen Spender und einen Haufen Erfahrung, die er gegen Rubio ausspielen konnte. Gegen Walker dagegen konnte er sich als moderate, vernünftige Alternative und bessere Wahl für die general election präsentieren. Alles sah gut aus, bis Trump, Carson und Fiorina als trio terribile die Rechnung durcheinander brachten. Plötzlich kämpften alle Kandidaten darum, in den Worten Mitt Romneys severely conservative zu sein. Das erklärt aber immer noch nicht, warum Rubio plötzlich als neuer GOP-Kronprinz im Rampenlicht steht.

An dieser Stelle kommen zwei Faktoren ins Spiel: Bushs kaum zu glaubende Schwäche bezüglich seines Familiennamens und seine Ähnlichkeit mit Hillary Clinton. Aber der Reihe nach.

Tatsächlich hatte sich Bush auf Angriffe vorbereitet, die ihn lediglich als Wurmfortsatz der Präsidentschaft seines Bruders George W. Bush betrachten. Seine Verteidigungslinie „I’m my own man“ hätte sicher auch halten können. Nur ging er von falschen Voraussetzungen aus. Er dachte, der größte Nachteil der Präsidentschaft seines Bruders würde der Vorwurf von Familiendynstien und Vetternwirtschaft sein, wie ihn auch Clinton aushalten musste – die sich relativ gut von ihrem Mann absetzen konnte, was in Jeb Bushs Strategie ja auch vorgesehen war: auf Differenzen mit seinem Bruder angesprochen erklärte er immer, dass er wirklich (ganz bestimmt!) sparen werde und nicht wie Dabbelju mit neuen Sozialleistungen und teuren Kriegen das Defizit aufblasen würde. Gleichzeitig gab er die Schuld dafür dem eh unbeliebten Kongress, was ihn vom Vorwurf der Disloyalität befreite. So weit, so gut.

Nur hielten sich seine Gegner nicht ans Drehbuch. Offensichtlich hatte Jebs Wahlkampfplanung damit gerechnet, dass der Angriff von den Democrats kommen würde, aber die waren sich immer noch nicht sicher, ob sie Bush sein Versagen in Irak und Afghanistan wirklich vorwerfen konnten, vom offensichtlichen Problem des größten Terroranschlags aller Zeiten einmal ganz abgesehen. Bush spekulierte wohl darauf, dass es die Democrats wie seither nicht wagen würden, Dabbelju dieses Versagen vorzuwerfen, um sich nicht dem Vorwurf der Pietätslosigkeit auszusetzen. Eine vernünftige Rechnung, und die Democrats halten sich hier auch weiterhin zurück. Wozu sollten sie auch in eine Schlammschlacht einsteigen? Den Job hat ihnen Donald Trump abgenommen, dem man übermäßige Pietät noch nie vorwerfen konnte. Er wies darauf hin, dass Jebs Bruder nicht erst nach 9/11 Präsident wurde – Bushs Mantra „my brother kept us safe“ wurde plötzlich von innen attackiert. Wäre es ein Democrat gewesen, Bush hätte nichts besseres passieren können, denn die Republicans hätten sich notgedrungen hinter ihm zur Verteidigung seines Bruders scharen müssen. Stattdessen traten sie taktvoll zur Seite, während Trump mit dem Instinkt des Bullies die Schwäche Bushs gnadenlos ausnutzte.

Und hier kommt Bushs Ähnlichkeit mit Hillary zum Tragen. Beide sind relativ alt. Beide stammen aus Politikerdynastien. Beide sind nicht gerade für übersprühenden Esprit bekannt. Beide sind Geschöpfe ihres Parteiestablishments. Nur, Hillary konnte (soweit) all diese Schwächen neutralisieren. Bush verstärkte sie alle. Seine Versuche, Trump Grenzen aufzuzeigen scheiterten jämmerlich in der Debatte, als sich Trump einfach rundheraus weigerte, sich zu entschuldigen. Jede kernige Aussage Bushs, jede persönliche Anekdote, jeder Scherz wirken peinlichst einstudiert und künstlich, noch schlimmer als bei Clinton. An dieser Stelle macht sich die Pause, die Bush seit seinem Ausscheiden aus dem Gouverneursamt 2007 machte, deutlich bemerkbar. Clinton hat wesentlich mehr Übung darin, diese Schwächen auszubügeln. Jeder öffentliche Auftritt Bushs verschärfte damit seine Probleme – und gleichzeitig gelang es Rubio zu glänzen. Er tat in Debatten und Interviews genau das, was man von Bush erwartet hätte.

Entsprechend sind Bushs Spenden nach unten gerauscht. Obwohl er im dritten Quartal 2015 immer noch rund 15 Millionen Dollar einfahren konnte, musste er sein Budget deutlich kürzen, Mitarbeiter entlassen, von Privatjets auf Linienflüge umsteigen und billigere Hotels buchen. Das muss für ihn nicht das Ende bedeuten – auch John McCain musste 2008 solche Kürzungen vornehmen und sackte in den Umfragen ab, ehe er sich erhohlte – aber Bush ist ein schwächerer Kandidat als es McCain war und hat stärkere Konkurrenz. Es ist zu früh, um ihn vollständig abzuschreiben. Aber wie es scheint ist der Kandidat selbst nicht mehr mit vollem Herzen bei der Sache, hat er sich doch in Interviews erst jüngst darüber ausgelassen, „eine Menge coole Dinge“ tun zu können, und dass man ja Trump wählen könne, wenn man mit ihm nicht einverstanden sei. Wenn er nicht bald einen neuen Ansatz für seine Kampagne findet, könnte es genauso kommen.

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  • Stefan Sasse 29. Oktober 2015, 18:39

    Wer sich wundert warum ich keinen blöden Witz über Jeb! gerissen habe: ich konnte mich beherrschen. Gerade so.

  • Stefan O. W. Weiß 29. Oktober 2015, 21:12

    Das Feld beginnt sich zu klären. Ernsthaft im Rennen sind meines Erachtens noch Trump, Carson, Rubio und Cruz. Sie haben einen großen Vorteil. Sie heißen nicht Bush. lol.
    Gut, aber ohne faule Witze zu machen: Die Republikaner haben erkannt, dass man mit Kandidaten des Establishments nicht weiterkommt. Die Demokraten dagegen scheinen die beste Möglichkeit, Hillary loszuwerden, verpaßt zu haben. Es sieht übel aus für die Demokraten.

  • Stefan Sasse 30. Oktober 2015, 17:32

    Bush war übrigens so freundlich, diese Präsentation leaken zu lassen, und so gefühlt die Hälfte von dem Optimismus da drin hat auch eine Grundlage: http://www.usnews.com/news/blogs/run-2016/2015/10/29/jeb-bushs-campaign-blueprint
    Wird also hauptsächlich davon abhängen ob seine Spender Panik kriegen.

  • Ralf 31. Oktober 2015, 22:47

    Als Bush verkündete, dass seine Wirtschaftspolitik, wenn er Präsident werden würde, für 4% Wachstum pro Jahr sorgen würde gab es in den Medien Kritik daran, wurde ihm vorgeworfen, Fantasiezahlen zu verkünden.

    Also das stimmt so nicht ganz. Bushs Fantasiezahlen sind in den Medien, da wo sie ueberhaupt analysiert worden sind, nur sehr oberflaechlich und extrem leise kritisiert worden. Dass sein wirtschaftliches Konzept voellig realitaetsfern ist, passte schlicht nicht ins Narrativ von Schwarz (Trump = Clown) und Weiss (Bush = praesidiabler Kandidat). Lediglich von links ist etwas Stellung zu Bushs Plan genommen worden (also von MSNBC oder Paul Krugman und Konsorten (und noch nicht mal da besonders aggressiv)) und die sind fuer die Meinungsbildung potentieller republikanischer Waehler ohnehin voellig irrelevant.

    Nein, Bush ist von der Presse mit extremen Samthandschuhen angefasst worden. Seine Fantasiezahlen hat man weitestgehend schoengeredet. Selbst seine zahlreichen Faux-Pas sind wieder und wieder und wieder wegdiskutiert und leise abgeraeumt worden, bis jetzt ein Punkt gekommen ist, an dem seine schlechte Vorbereitung, sein fehlendes Konzept und seine Unfaehigkeit sich als Kandidat zu verkaufen so offensichtlich geworden sind, dass seine Schwaechen nicht mehr ignorierbar sind.

    Ausserdem geraten die reichen Establishment-Vertreter langsam in Panik. Trump scheint sich nicht in Luft aufzuloesen und Carson moeglicherweise ebenfalls nicht. Das Establishment muss sich nun auf einen Kandidaten einigen, der der Riege von Anfaengern etwas entgegensetzen kann. Das Establishment muss endlich aus den einstelligen Zustimmungswerten rauskommen, damit sich deren Kandidaten bei den Primeries nicht gegenseitig die Stimmen wegnehmen und sich dadurch weiter schwaechen. Fuer alle beide, Bush und Rubio, ist also kein Platz mehr. Einer muss gehen. Und Bushs Stern ist am Sinken, waehrend Rubio zunehmend glaenzt. Daran liegt es, dass die dem Establishment hoerigen Medien Bush nun fallen lassen und zum ersten Mal und in sehr starken Worten von Bushs Ende reden. Sein Scheitern ist vorprogrammiert.

    Alles sah gut aus, bis Trump, Carson und Fiorina als trio terribile die Rechnung durcheinander brachten.

    Auch da stimme ich Dir ueberhaupt nicht zu. So toll sah es nie aus fuer Bush. Bush hat es komplett verpasst sich in den vergangenen Jahren eine breite Unterstuetzung in der Waehlerschaft zu sichern. Er kam in den Medien nie wegen irgendwelcher Inhalte vor. Er war als Praesidentschaftkandidat ein voelliges Vakuum mit Null Unterstuetzung im Volk – weder bei Wahlern allgemein, noch bei republikanischen Waehlern. Statt sich eine Grassroots-Bewegung aufzubauen, statt sich bekannt und beliebt zu machen, statt sich politisch zu positionieren und zu inszenieren, hat er lediglich im Stillen Geld gesammelt. Er hat wohl geglaubt, dass ihm sein Papi und sein Bruder die Praesidentschaft mit ihren Verbindungen und Kontakten kaufen werden.

    Seine Vorbereitung fuer den Wahlkampf war voellig desolat. Bereits bei seinem ersten viel beachteten Auftritt, konnte er keine Antwort geben, wie er zum Irakkrieg stand. Wie er zum politischen Vermaechtnis seines Bruders steht, war nun wirklich die offensichtlichste Frage, auf die er haette vorbereitet sein muessen. Wie kann es sein, dass er darauf „Ja .. ahhh … nein … ahhh … jein“ antwortet??? Und wie kann es sein, dass er sich mit diesem Thema nicht nur einmal, sondern in den folgenden Wochen wieder und wieder blamiert??? Wer sich so vorbereitet bzw. wer sich eben ueberhaupt nicht vorbereitet, darf sich nicht wundern, wenn er ins Hintertreffen geraet. Und Bush ist von da ab nur noch Fettnaepfchen zu Fettnaepfchen gestolpert. Wieso hat er Trump nicht frontal angegriffen wie Kasich z.B. in der letzten Debatte? Wieso hat er Rubio in der letzten Debatte nicht damit herausgefordert, dass er der Erfahrenere ist? So wie im folgenden Clip haette das funktionieren koennen:

    https://www.youtube.com/watch?v=LoPu1UIBkBc

    Die Antwort ist wohl, dass Bush miserabel vorbereitet war. Und so wird er ueberall wie ein Schuljunge abgekanzelt. Von Trump. Von Rubio. Von Christie. Zurecht. Ich wundere mich ueberhaupt nicht, dass diese Kampagne im Kollabieren begriffen ist.

    • Stefan Sasse 1. November 2015, 17:59

      Zum Thema Kritik in den Medien:
      Bernie Sanders Zahlen werden von den liberalen Medien auch nicht gerade übermäßig streng untersucht, und die Kritik von FOX News wird demokratische Wähler auch nicht von ihm abhalten. Das gilt schlicht für beide Seiten und sagt mehr über die politische Polarisierung als irgendetwas anderes aus. In den eher progressiven Medien wurde Bushs 4%-Plan ziemlich zerrissen. Vox.com, Washington Monthly, Atlantic, New Republic – alle haben sich damit beschäftigt und kamen essenziell zum gleichen Ergebnis: reine Fantasie.

      Establishment Panik:
      Das scheint mir mehr Herdentrieb und Anlegerverhalten zu sein. Die primaries sind noch ewig weit weg. Carson und Trump haben noch mehrere Monate um zu implodieren, und wenigstens bei Carson wird das auch noch passieren, da bin ich zu so 80% sicher. Bei Trump würde ich sagen 60%.

      Bush:
      Das mit der Irakantwort habe ich auch nie wirklich verstanden, aber es war für sein Standing in den republikanischen primaries irrelevant. Er hat erst massiv Probleme bekommen, als Trump das Tabu gebrochen hat, 9/11 und den Irakkrieg fundamental zu kritisieren.

      • Ralf 1. November 2015, 22:58

        Bernie Sanders Zahlen werden von den liberalen Medien auch nicht gerade übermäßig streng untersucht

        Linke werden von links und Rechte von rechts weniger kritisiert. Das ist doch normal. Die Frage ist, wie die Medien der Mitte reagieren. Also diejenigen Medien, die noch unentschiedene Waehler moeglicherweise in die eine oder andere Richtung beeinflussen koennten. Und die haben Bush nicht verrissen, sondern sind ganz still ueber seine Fantasiezahlen hinweggegangen. Im Gegenteil. Bush ist wieder und wieder als „ernstzunehmender Kandidat mit Bezug zur Realitaet“ gepriesen worden und als solcher Trump und Carson gegenuebergestellt worden.

        Das konntest Du uebrigens auch wunderbar in der letzten TV-Debatte sehen. Es ging in der Debatte um Wirtschaft. Und trotzdem hat kein Mensch Bush nach seinen Fantasiezahlen gefragt. Bush bekam stattdessen die Frage nach seinen Fantasy-Football-Ergebnissen. Und wer ist hingegen aggressiv angegangen worden in Bezug auf absurde Misskalkulationen im Wahlprogramm? Carson. Und Trump. Weil die halt als Clowns dastehen sollten.

        Und was Bernie Sanders‘ Zahlen angeht. Natuerlich wird auch da, wie immer im Wahlkampf, manches zu uebertrieben optimistisch dargestellt. Aber wenn Du schon den Vergleich wagst, Bernie Sanders Wahlprogramm ist um Groessenordnungen realistischer und verantwortlicher als Bushs Programm.

        Die primaries sind noch ewig weit weg. Carson und Trump haben noch mehrere Monate um zu implodieren

        😀

        Das hoere ich jetzt bereits seit Monaten. Bisher haben sich alle Prognosen in der Richtung als falsch herausgestellt. Und Umfragen legen nahe, dass die republikanischen Waehler Trump nicht nur fuer den geeignetsten Kandidaten halten, sondern auch fuer den Kandidaten, der am Ende tatsaechlich das Rennen machen wird und fuer den Kandidaten, der die besten Chancen hat Hillary Clinton zu schlagen. All das spricht gegen ein schnelles Implodieren Trumps. Und ein Grossteil der Carson-Anhaenger sind reine Anti-Establishment-Waehler, deren groesstes Anliegen ist Washington „umzukrempeln“. Sollte Carson aufgeben, koennte ein nicht geringer Teil von denen zu Trump ueberlaufen. Zu Bush, dem personifizierten Establishment, gehen die jedenfalls nicht.

        Das mit der Irakantwort habe ich auch nie wirklich verstanden, aber es war für sein Standing in den republikanischen primaries irrelevant. Er hat erst massiv Probleme bekommen, als Trump das Tabu gebrochen hat, 9/11 und den Irakkrieg fundamental zu kritisieren.

        ???

        Also das stimmt ueberhaupt nicht. Trumps Angriff auf George W. war ein totales politisches Eigentor. Trump ist dafuer von rechts, von links und aus der Mitte kritisiert worden. Nach der zweiten Debatte, in der Trump Bush angegangen war, sind Trumps Unfragewerte zum ersten Mal eingebrochen. Bushs „my brother kept us save“ wurde als sein einziges Debatten-Highlight gefeiert. Waehrend des gesamten Wahlkampfs ist Trumps missglueckte 9/11-Aeusserung das einzige Mal gewesen, dass Jeb Bush sich profilieren konnte. Und in der Frage kann er sich auch der vollen Unterstuetzung der konservativen Basis sicher sein. Der einzige Funken Hoffnung in seiner Kampagne.

        Nein, Bushs Probleme haben mit seinem ersten Auftritt begonnen, als er nicht wusste, wie er zum Irakkrieg steht und auch in den darauffolgenden Wochen keine Antwort fand. Seine Probleme wurden verstaerkt, als Trump ihn „low energy“ nannte und Bush sich tatsaechlich als passives Weichei in den Debatten praesentierte. Als Bush sich in der zweiten Debatte von Trump mit einem High-Five abschlagen liess, sah er aus wie ein schuechterner Schulbub, der vom Papi ausnahmsweise die Erlaubnis bekommt am Tisch der Erwachsenen sitzen zu duerfen. Und auch sonst hat Bush es nie geschafft seine Kampagne ins Rollen zu bringen. All die vielen kleinen Fettnaepfchen fuer sich genommen, waeren keine Katastrophe gewesen. Aber in der Summe haben die zahlreichen Enttaeuschungen Bushs Chancen zunehmend untergraben. Unterstuetzung beim Wahlvolk hatte er sowieso nie. Aber jetzt geht ihm auch noch der Rest verloren: Die Spenden der Reichen. Die bedingungslose Unterstuetzung der grossen Medien. Die personelle Infrastruktur seiner Wahlorganisation. Nate Silver hat Recht, wenn er schreibt „Jeb Bush is toast“ …

        • Stefan Sasse 2. November 2015, 20:46

          Die liberals sind allesamt hundertmal seriöser und verantwortungsvoller als die Republicans in diesem Wahlkampf, das ist überhaupt keine Frage. Jede policy-Idee von Sanders ist belastbarer als das Beste, was all die Republicans zusammengeschraubt haben. Aber dass Bush gar nicht kritisiert worden wäre stimmt schlichtweg nicht.

          Sind wir mal gespannt, wie lange die Anti-Establishment-Stimmung tragen kann.

          Und kriegen wir wegen der Irakgeschichte irgendwo belastbare Zahlen her?

          • Ralf 2. November 2015, 23:35

            kriegen wir wegen der Irakgeschichte irgendwo belastbare Zahlen her?

            Am belastbarsten sind wohl die Umfragen vor und nach der zweiten republikanischen Debatte. Nicht ganz einfach zu interpretieren, da die meisten Umfragen ueber einen gewissen Zeitraum (ein paar Tage oder eine Woche) liefen und der Debattentermin in der Mitte lag. Und in der Debatte passierte natuerlich auch mehr als nur die Bush-Trump-Auseinandersetzung. Aber um diese zweite Debatte herum hat Trump zum ersten Mal klar an Zustimmung verloren. Bush hat in einigen Umfragen knapp dazugewonnen; im Aggregat ist er zumindest langsamer abgesackt als zuvor:

            http://elections.huffingtonpost.com/pollster/2016-national-gop-primary

            Bush hat das „my brother kept us save“-Statement uebrigens auch vorher getestet und traf auf ueberwaeltigende Zustimmung bei republikanischen Waehlern. Das legt nahe, dass Bush mit der Aussage tatsaechlich punkten konnte in der Debatte (und im Umkehrschluss, dass Trump dadurch eine Niederlage erlitt):

            http://www.washingtonexaminer.com/team-jeb-poll-tested-w-kept-us-safe-line/article/2575315

            Das haben im uebrigen auch die meisten Beobachter in Washington so gesehen. Ich lese da meist die Washington Post oder die New York Times. Hier ein Beispiel:

            http://www.nytimes.com/politics/first-draft/2015/10/20/poll-watch-trumps-attacks-on-george-w-bush-may-backfire/

            • Stefan Sasse 3. November 2015, 18:02

              Ok, danke. Macht Sinn. Interessant dass Jeb! so clever ist, ein solches Statement testen zu lassen, aber offensichtlich nicht in der Lage diverse andere Basics hinzubekommen.

  • Ralf 31. Oktober 2015, 23:06

    Die aus meiner Sicht stichhaltigste Analyse zum Thema hat uebrigens Nate Silver geschrieben (Titel: „Yeah, Jeb Bush Is Probably Toast“):

    http://fivethirtyeight.com/datalab/jeb-bush-cnbc-republican-debate/

  • sol1 9. November 2015, 00:47

    Frei nach Otto Waalkes hat Jeb Bush drei Probleme:

    Er sieht aus wie ein Bush, er redet wie ein Bush, er ist ein Bush.

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