Kopf hoch, Politikwissenschaft!

Wenn es stimmt, was gestern zu lesen war*, verbannt Usbekistan künftig Politikwissenschaft aus den Universitäten. Das offizielle Argument fasst das Portal Meduza so zusammen:

“Political science does not follow the scientific method, that the literature in this field is based exclusively on Western publications, that there is no national scientific tradition in the field, and that the “Uzbek model” of development is not taken into account.“

Viele Politolog_innen, die ich kenne, werden jetzt leicht verschämt den Kopf senken und sich ein klein wenig ertappt fühlen. Mag ja sein, dass der usbekischen Regierung gute wissenschaftliche Praxis herzlich egal ist, aber ist es nicht wirklich so, dass westliche Wissenschaft die (westliche) Wahrnehmung dominiert? Dass andere kulturelle und politische Spezifika nicht ernst genommen werden? Und dass, vor allem, Politikwissenschaft irgendwie unwissenschaftlich ist?

Wir gehen ja gerne in Sack und Asche, wühlen uns ein in unsere methodologischen Komplexe. Und vor allem die west-zentrierte Perspektive ist fraglos ein sehr großes Problem.

Gleichzeitig zeigt dieses Beispiel doch ganz wunderbar, was Politikwissenschaft im besten Fall leisten kann, selbst wenn sie nicht sehr gut im Prognostizieren ist: Gute Sozialwissenschaft (und man muss wohl auch Philosophie nennen), wie ich sie verstehe, ist eine Kontingenzmaschine; sie klopft und prüft etablierte Kategorien der Analyse ab und zerschlägt sie ab und an auch bereitwillig, um sie probehalber anders zusammenzusetzen; sie macht deutlich, dass wir nichts so machen müssen, wie wir es kennen, nur weil wir es kennen, wie wir es kennen.

Weil sie die Formbarkeit der Welt betont, auch wenn sie allzu oft und oftmals sinnvollerweise mit Bestehendem arbeitet, ist sie damit potentiell immer eine Bedrohung für autoritäre Strukturen, die regelmäßig nichts so sehr fürchten wie den Glauben der Massen an die Formbarkeit der Welt.

Freilich kann Sozialwissenschaft auch gänzlich anders betrieben werden, keine Frage. Sie kann systemstabilisierend gemacht oder dafür genutzt werden, Unterdrückung zu legitimieren. Aber sie kann auch eine ziemlich nützliche Funktion für Gesellschaften haben.

Und, hier lehne ich mich gerne aus dem Fenster: Wenn auch Sozialwissenschaften diese Funktion nicht notwendigerweise erfüllen, so sind es doch notwendigerweise sie, die es tun, wenn es überhaupt jemand tut. So etwas geht nämlich nicht nebenbei, es braucht viel Zeit, Ausdauer, Fleiß, Nachdenken, Austausch, Arbeit.

Wenn Politikwissenschaft nun wirklich verboten worden ist, dann, darf man annehmen, weil der usbekischen Regierung das viel klarer ist als vielen Sozialwissenschaftler_innen hierzulande.

*Es scheint etwas dran zu sein – hier gibt es einen offenen Brief von Politolog_innen auf Facebook und der usbekische Dienst von Radio Free Europe hat auch etwas dazu (jeweils unter Google-Translator-Vorbehalt).

{ 9 comments… add one }

  • Tim 5. September 2015, 10:46

    Eine Disziplin ist dann eine Wissenschaft, wenn sie gute, nicht-triviale Vorhersagen treffen kann. Nicht mal die Volkswirtschaftslehre als mit Abstand quantitativste Sozialwissenschaft schafft das.

    Es täte den Sozial“wissenschaften“ gut, wenn sie sich eher als „studies“ denn als „science“ darstellen würden. Und selbst von diesen „studies“ gehörten viele nicht an eine Universität, finde ich. Der Anteil an Quatschdisziplinen an Hochschulen ist für meinen Geschmack heute viel zu hoch.

  • Jonas Schaible 5. September 2015, 13:12

    Gilt das nun für Sozialwissenschaften? Sind sie „Quatschdisziplinen“?
    Und leisten sie das, was ich beschrieben habe, obwohl sie nicht prognostizieren können, oder nicht?

    (Die Science-Studies/humanities-Unterscheidung dient doch eh vor allem dem Distinktionsbedürfnis der Sciences und verstärkt außerdem deren für meine Begriffe ungesunden und merkwürdigen, defintiv etwas unreflektierten wissenschaftstheoretischen Konsens. Wenn es allerdings um ein selbstbewusstes „Wir sind keine Naturwissenschaft. Können und wollen wir gar nicht sein. Aber wie haben trotzdem eine Funktion!“ geht, so wie oben geschildert, können die Sozialwissenschaften gerne ein bisschen von der neurotischen Idealisiserung der Naturwissenschaften wegkommen. Aber ich nehme an, das meinten Sie nicht.)

    • Tim 7. September 2015, 06:41

      Natürlich sind Sozialwissenschaften „Kontingenzmaschinen“, wie Du oben geschrieben hast. Aber das sind Journalismus, Literatur, Gespräche, Kunst, Wirtschaft eben auch. Wenn sich ein Politikwissenschaftler heute z.B. mit China befaßt, ist das nicht weit weg von dem, was ein interessierter Laie ebenfalls bewerkstelligen würde.

      Die Methoden sind (im Vergleich zu den Naturwissenschaften) trivial, nicht am meßbaren Erkenntnisfortschritt ausgerichtet und relativ beliebig. Insgesamt ist es überhaupt schwierig, in den Sozialwissenschaften einen Erkenntnisfortschritt festzustellen.

      „Verstehen“ wir die Welt dank Sozialwissenschaft heute besser als vor 50 Jahren? Nein, denn verstehen heißt immer, verläßliche Prognosen abgeben zu können. Sozialwissenschaften können Dinge immer nur nachträglich erklären, d.h. sie können sie nicht erklären. Es fehlt einfach die wissenschaftliche Basis.

      Darum sind die Sozialwissenschaft meiner Meinung nach immer dann am besten und glaubwürdigsten, wenn sie sich auf eine rein dokumentarische Funktion beschränken.

      • Stefan Sasse 7. September 2015, 06:51

        Ich fürchte du hast ein völlig falsches Verständnis von dem, was die Sozialwissenschaften machen und wie.

        • Tim 7. September 2015, 10:25

          Ich bin selbst einer. 🙂 Aber ich habe eben auch einen hohen Anspruch an Wissenschaftlichkeit, und den lösen die Sozialwissenschaft nirgendwo ein.

  • Stefan Sasse 5. September 2015, 18:04

    Naturgemäß sehe ich das auch eher wie Jonas. Besonders, weil die „Wissenschaftlichkeit“ der Naturwissenschaften auch auf etwas tönernen Füßen steht.

    • Tim 7. September 2015, 06:44

      Keine Frage, gefälschte Studien und zu wohlwollende Ergebnisinterpretationen gibt es auch in den Naturwissenschaften.

      Insgesamt sind sie aber Lichtjahre von den Sozialwissenschaften entfernt. Von „tönernen Füßen“ würde ich nun wirklich nicht sprechen. 🙂

      • Stefan Sasse 7. September 2015, 06:50

        Ich meinte eher die Tatsache, dass die Fundamente der Naturwissenschaften auch nicht so eindeutig sind wie sie gerne tun. Gerade in der Physik stellt man ja immer wieder fest, dass das Universum doch nicht so funktioniert, wie man lange gedacht hat.

        • Tim 7. September 2015, 10:23

          Hm, verstehe ich nicht. In verbesserten Modellen zeigt sich doch gerade der wissenschaftliche Fortschritt. Es ist ja nicht so, daß z.B. Newton völlig falsch gelegen hätte. Sein Gravitationsgesetz kann aber die Beobachtungen nicht so präzise erklären wie die Allg. Relativitätstheorie. 🙂

          Und niemand tut so, als sei eine heutige Theorie der Weisheit letzter Schluß. Wirklich niemand.

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