Von wegen Sprachverhunzung – Wie ich den Gender_Gap lieben lernte

Liebe Leser_innen,

es ist Euch, spätestens jetzt gerade, sicher aufgefallen, dass ich Euch Leser_innen nenne und nicht Leser. Das hat verschiedene Gründe, aber einer davon ist: Ich mag das so und ich fühle mich beklemmt, wenn ich es nicht tue.

Ja, doch, wirklich.

Da können sich Salzstreuerinnen-hihi-Witzeerzähler_innen noch so oft über die angebliche Verschandelung der Sprache mokieren. Ich sehe das anders.

Das war allerdings nicht immer so.

Ich erinnere mich noch, als ich, frisch aus der Schule, an einem Workshop der taz teilnehmen durfte. Bei diesem Workshop haben einige der Älteren durchgesetzt, dass die Sonderausgabe, die wir produzierten, komplett im generischen Femininum geschrieben würde. Ich hielt das für eine totale Schnapsidee und mich für cleverer, als ich war. Kapierten die denn nicht, dass Genus und Sexus nicht das Gleiche sind? Und außerdem: oh, wie wertvoll diese ___-Zeichen sind, wenn man ständig Demonstrantinnen statt Demonstranten schreiben muss und sowieso viel zu wenig Platz hat. Wer auf Zeile schreiben muss, ringt um jeden Buchstaben.

Dann vergingen ein paar Jahre, ich studierte, beschäftigte mich mehr mit der Welt und den Menschen, die darin leben, und irgendwann kam ich zu der Einsicht: Ich muss dazu übergehen, gender-sensible Sprache zu verwenden.

Am Anfang war das eine reine Kopfentscheidung. Ich fand es richtig, weil – ach, die Argumente sind ja vielfach ausgetauscht. Weil, in aller Kürze, Sprache auch Vorstellungen der Welt mitformt, weil viele der angeblich Mitgemeinten sich vom generischen Maskulinum gar nicht so mitgemeint fühlen und weil eine männliche Form eben keine echt generische Form ist, auch wenn sie sich noch so aufrichtig Mühe gibt, solange sie so nicht verstanden wird (und sie wird so nicht verstanden).

Aber schön? Nein, wirklich schön fand ich es nicht.

Aber, wie das so ist: Man gewöhnt sich an vieles. Man stolpert beim Lesen nicht mehr über jedes aufgestellte I und man fällt nicht in jeden Freiraum, der sich zwischen Männern _ und _ Frauen auftut.

Und dann das: Vor einigen Monaten habe ich realisiert, dass das generische Maskulinum bei mir das auslöst, was der Unterstrich_ eigentlich leisten soll: Es lässt mich stutzen, aufhorchen, die Stirn runzeln – und zwar, weil er mich stört.

Ich fühle mich vom Generischen Maskulinum und allen, die ihn verwenden, nicht ernst genommen. Und ich fühle mich eingeschränkt, wenn ich gezwungen bin, ihn zu verwenden.

Denn es ist doch so: Schreibe ich beispielsweise „Demonstranten“, meine ich vielleicht:

– eine Gruppe sich männlich verstehender Demonstranten
– eine Gruppe sich weiblich verstehender Demonstrantinnen
– eine gemischte Gruppe sich männlich und sich weiblich verstehender DemonstrantInnen
– eine gemischte Gruppe sich männlich, sich weiblich und sich irgendwie anders verstehender Demonstrant_innen
– eine Gruppe Demonstrant_innen, über deren Geschlechtsempfinden ich nichts weiß

(Wie man sieht, habe ich mir angewöhnt, mit verschiedenen Formen der geschlechtersensiblen Sprache auch verschiedene Bedeutungen auszudrücken. Ich verwende deshalb sowohl Binnen-I als auch Gender_Gap, auch wenn das nicht alle so tun. Das zeigt nur umso deutlicher, welche neuen Möglichkeiten sich auftun. Vielleicht könnte die Verlaufsform der Demonstrierenden sogar verwendet werden, um anzuzeigen, dass das Geschlecht dezidiert keine Rolle spielen soll. Aber das ist so, glaube ich, nicht etabliert.).

Das ist doch eigentlich grotesk. Da habe ich durch Binnen-I und Unterstrich, durch Sternchen und Verlaufsform so viel mehr sprachliche Mittel an der Hand, um Wirklichkeit adäquat beschreiben zu können, als es vorher der Fall war, und dann soll ich mich mit einer unpassenden Allzwecklösung zufriedengeben, die sowieso aus vielen Gründen problematisch ist?

Wenn ich „Demonstranten“ sage oder schreibe, enthalte ich den Leser_innen Informationen vor. Was genau ich meine, bleibt ihnen verborgen. Und mehr noch: Ich fühle mich so, als schriebe ich aufgrund verbreiteter Konventionen wissentlich Falsches, als verbreite ich Fehlinformationen. Denn es sind ja keine Demonstranten, ich weiß das und ich habe Möglichkeiten, präziser zu sein – und, ja, Präzision fühlt sich gut an.

Wie kann man ernstlich darauf pochen, dass es Sprache schöner mache, einen Begriff für vier oder fünf verschiedene Phänomene zu verwenden?

Klar, ungewohnt ist es zunächst schon ein wenig. Aber das geht vorbei.

Liebe Leser_innen und vor allem Leser – ich verspreche es.

(Crosspost)

{ 7 comments… add one }

  • Stefan Sasse 9. August 2015, 20:50

    Ich bin kein Riesenfan der Unterstriche, Sternchen oder Binnen-I. Etwas schöner finde ich Formen wie „Studierende“ oder Ähnliches. Grundsätzlich scheint es mir aber als ob eine neutrale Endung und ein neutrales Personalpronomen am besten wären.

  • Ariane 13. August 2015, 05:16

    Ich selbst nutze meistens das Binnen-I oder wie Stefan schon schreibt am liebsten neutrale Begriffe, weil man Sätze dann auch leichter weiterbilden kann und nicht mit sein/ihre und weiteren / rumhantieren muss.
    Für Sprachverhunzung halte ich es nicht, mal abgesehen davon, dass ich eh nicht unbedingt glaube, dass man eine Sprache „verhunzen“ kann. Und mir geht es auch ähnlich, dass es ich mittlerweile auch eher darüber stolpere, wenn jemand konsequent nur das Maskulin verwendet wird. Gut möglich, dass sich das Problem in 20 Jahren schon erledigt hat.

    • Stefan Sasse 13. August 2015, 07:09

      Ja, das geht mir auch so. Und ich denke auch, dass „Sprachverhunzung“ als Konzept eher blödsinnig ist.

  • Derwaechter 13. August 2015, 08:27

    Ist denn nicht eher so, dass dir das Geschlechtsempfinden der Teilnehmer bei den allermeisten Demonstrationen über die du so schreiben könntest gar nicht hinreichend bekannt ist, um die von dir benannten 5 Möglichkeiten unterscheiden zu können? Und somit die behauptete Genauigkeit eher illusorisch ist.

    Und ist es nicht weiterhin so, dass in den allermeisten Demonstrationen das Geschlechtsempfinden der Teilnehmer keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielt bzw spielen sollte?

    Und wird nicht durch solche schriftlichen Verrenkungen dem Geschlechstemfinden ganz allgemein ein viel zu hoher Stellenwert eingeräumt und Beachtung geschenkt nur weil er sich in der Sprache halt relativ einfach abbilden lässt? Während andere Merkmale, wie z.B. Herkunft, soziale Klasse, Alter, Hautfarbe, sexuelle Orientierung usw usf, die im jeweiligen Kontext vielleicht viel wichtiger sind durch diesen alles überschattenden Geschlechtsfokus weniger Beachtung finden als sie eigentlich sollten?

    • Ariane 14. August 2015, 06:32

      Alle fünf Möglichkeiten sind vielleicht wirklich illusorisch, aber je mehr es sich durchsetzt, desto präziser wird es natürlich. Irgendwann weiß man dann nämlich ganz genau, ob es sich nun um männliche Demonstranten handelt oder um Demonstrantinnen.
      Bei der Berichterstattung über eine Demonstration mag das vielleicht nicht die höchste Relevanz haben, aber es gibt ja mittlerweile genügend Studien, die zeigen, dass das generische Maskulin nicht ganz so generisch aufgefasst wird.
      Und es gibt einen großen Unterschied zwischen Geschlechtsempfinden und Dingen wie zb Herkunft und Hautfarbe. Letzteres sind soziale Konstruktionen, die sich im Laufe der Zeit oder Kontext verändern können, während die Geschlechterdifferenz ein Fakt ist. Mal abgesehen davon, dass das Wort DemonstrantInnen auch nicht gleich einen „alles überschattenden Geschlechtsfokus“ legt, sondern nur ein präziseres Wort ist. Wenn man einfach von Demonstranten spricht und davon ausgeht, dass sich die Demonstrantinnen „mitgemeint fühlen sollen“, könnte man das gleiche behaupten.

  • Der Karl 19. August 2015, 15:53

    Seit einigen Jahrzehnten bereits gibt es diese Versuche, die Sprache umzuformen. Bisher sind diese jedoch kaum aus dem akademischen Umfeld herausgekommen, und auch dort sehr umstritten. Woran mag das liegen?

    Man lese den Artikel laut vor. Es ist unmöglich, den Beitrag ohne Informationsverlust in die gesprochene Sprache zu übertragen. Auch wenn mittlerweile die These der absoluten Priorität der Lautsprache gegenüber der Schriftsprache ein Stück weit aufgeweicht wurde, so ist dennoch der Kommunikations-Anteil des gesprochenen Wortes um ein Vielfaches höher, als der der Schriftsprache. Jeder Versuch, die Sprache ohne Rücksicht auf das gesprochene Wort zu verändern, kann daher nur scheitern.

    Sowohl das Binnen-I, als auch der „Gender_Gap“ können nicht verschleiern, dass ein generisches Femininum eingeführt wird. Falls man die These der Diskriminierung durch die Verwendung des generischen Maskulinums unterstützt, dann muss man das auch in die andere Richtung gelten lassen.

    Die Substantivierung von Verben ist nur scheinbar zielführend. Während der Bedeutungsunterschied bei der Ersetzung von „Studenten“ durch „Studierende“ erst auf den zweiten Blick offenbar wird, ist es bei „Mördern“ und „Mordenden“ sofort offensichtlich, dass die Bedeutung erheblich voneinander abweicht.

    Interessanterweise sind es oft Menschen, welche in anderen Bereichen des Lebens sehr viel Wert darauf legen, Geschlechterunterschiede zu negieren. In der Sprache sollen nun genau diese Unterschiede hervorgehoben werden, um sie „präziser“ zu gestalten? Inwieweit ist es bei einer Demonstration relevant, welchen Geschlechts sich die Personen zugehörig fühlen?

  • fegalo 19. August 2015, 20:17

    Diese Diskussion um das Binnen-I, den Unterstrich etc. ist eigentlich schon gelaufen, mit dem Ergebnis, dass eine relativ kleine Sekte das nun angestrengt praktiziert, der große Rest einschließlich fast aller Medien beim üblichen Sprachgebrauch geblieben ist, selbst bei den noch am wenigsten problematischen Anwendungsfällen wie „Studierende“ statt „Studenten“.

    Ich will daher die Diskussion nicht wieder von Adam und Eva beginnen, sondern nur zum Argument von der angeblichen Präzision etwas sagen. Ich habe nämlich erstens gar keinen Bedarf, bei jeder Gruppe über die Zusammensetzung ihrer gefühlten Geschlechtszugehörigkeit sprachlich präzise informiert zu werden. In den meisten Fällen mache ich mir nämlich selbst schon ein inneres Bild von der Zusammensetzung. Beispiel Schüler: Ich weiß, dass es je zur Hälfte Jungen und Mädchen sind, wenn nicht eine besondere Auswahl stattgefunden hat: Physik-Leistungskurs (vermutlich mehr Jungen) etc.
    Und wenn es sich bei einer Demonstration um einen Schlampenmarsch handelt, dann rechne ich damit, dass die Demonstranten (sic!) weit überwiegend weiblichen Geschlechts sind. Und so weiter.

    Ferner bekomme ich ja auch keine Angaben etwa über die Hautfarbe oder das religiöse Bekenntnis von Gruppenmitgliedern – wo soll man also anfangen, und warum muss ausgerechnet im Falle der Geschlechtszugehörigkeit eine so pingelige sprachliche Unterscheidung getroffen werden?

    Ich gebe die Antwort selbst: Diese angebliche Notwendigkeit ist gar keine, sondern nur der Auswuchs einer permanenten Lobbytätigkeit einer bestimmten Gruppe von Menschen, die es sich zum Ziel gemacht hat, dass weibliche Menschen überall „als“ Frauen ausdrücklich bezeichnet werden, weil es das ist, was sie unter Gleichberechtigung verstehen.

    Zum Schluss: Jeder darf schreiben, wie er will („sie“ ist hier ausdrücklich mitgemeint :-), und ich behalte mir vor, Texte, deren „Ge-Gendere“ überhandnimmt und mich nervt, nicht zu lesen. Ich selbst bleibe jedoch ganz bestimmt bei der althergebrachten deutschen Sprech- und Schreibweise.

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