Kein dummer Heldenmut – Tsipras und der Glaube an die Politik

„Ich trage die Verantwortung für meine Fehler und dafür, dass ich ein Abkommen unterzeichnet habe, an das ich nicht glaube”, hat Alexis Tspiras gestern Abend gesagt.

Nicht, dass man davon inhaltlich allzu überrascht sein müsste. Bemerkenswert ist es im Alles-wird-im-Konsens-entschieden-Europa allemal.

Gedeutet wird jetzt, Tsipras habe sich gebeugt, klein bei gegeben, sei gebrochen worden oder habe die Wandlung zum Realpolitiker vollzogen.

An dieser Stelle ist es aber wohl angebracht, dem vermeintlichen Revolutionär, dem Narzissmus, Großspurigkeit oder Pathos des nationalen Erretters vorgeworfen wurden, ein Kompliment zu machen; ganz unabhängig davon, was von ihm, seinen Positionen und seinen wirtschaftspolitischen Ideen hält: Er hat ausgeteilt, auch harte Worte gewählt, aber er hat, trotz aller Verlockung, darauf verzichtet, sich dummem Heroismus hinzugeben.

Wie leicht wäre es gewesen, sich in der Metaphorik des Widerstands, der Würde und der Demütigung (die Tsipras freilich auch selbst bedient hat) zu verlieren, die Pose des Unverstandenen, Geknechteten, Geschundenen, aber vor allem Unbeugsamen einzunehmen und trotzig zu deklamieren: Uns wird so übel mitgespielt, das machen wir nicht länger mit. Schluss, aus!

Unkalkulierbar, sicher. Dumm, womöglich. Aber leicht, leicht wäre es gewesen.

Tsipras hat dieser Versuchung trotz aller Frustration nicht nachgegeben. Dabei scheint es nach allem, was dieser Tage nach außen dringt und was selbst Unbedarfte aus den Verhandlungsangeboten lesen konnten, so, als hätte die Syriza-Regierung niemals eine Chance gehabt. Als seien die vergangenen sechs Monate meistenteils mit de-facto Scheinverhandlungen vergeudet worden.

Den Vertrag trotzdem zu unterzeichnen, lässt sich erklären mit der Angst vor dem Unbekannten. Wer boshaft ist, kann darin auch Hasenfüßigkeit erkennen.

Wohlmeinend ließe sich die Unterschrift unter einen Vertrag, den man für nutzlos und schadhaft hält, dagegen als Tat eines Mannes lesen, der den Glauben an die Politik noch nicht aufzugeben bereit ist, auch wenn er allen Grund dazu hätte.

Der nicht, gekränkt und verzweifelt, die große dramatische Geste sucht, sondern daran festhält, dass am Ende doch außer den Verhandlungen und Mühen der Ebene nichts ist, was Linderung zu bringen imstande ist.

Es hat schon unreifere und unverantwortlichere Politiker gegeben.

(Crosspost)

{ 2 comments… add one }

  • CitizenK 17. Juli 2015, 19:28

    Sehe ich auch so. Tsipras ist in gewissem Sinne eine tragische Figur.

    In mancher „Qualitätszeitung“ wird ihm vorgeworfen, gelogen und betrogen zu haben, weil er in Brüssel noch nichts von dem Referendum gesagt habe. Das halte ich für eine Verleumdung.

  • Ralf 18. Juli 2015, 19:41

    Uns wird so übel mitgespielt, das machen wir nicht länger mit. Schluss, aus!
    […]
    Der nicht, gekränkt und verzweifelt, die große dramatische Geste sucht, sondern daran festhält, dass am Ende doch außer den Verhandlungen und Mühen der Ebene nichts ist, was Linderung zu bringen imstande ist.

    Hmmm … das Problem ist ja, dass die Verhandlungen gerade nicht die „Linderung“ gebracht hat. Im Gegenteil. Es ist alles noch schlimmer geworden. Der bereits gescheiterte Austeritaetskurs wird jetzt noch schaerfer umgesetzt. Gegen das zweimalige kristallklare Votum des griechischen Volkes. Dass eine „reine Trotzreaktion“ in dieser Lage fuer einen Politiker keine Option ist, ist geschenkt. Aber in dieser speziellen Situation hat der Wille sich an den Verhandlungstisch zu setzen, gleichermassen katastrophale Folgen. Stehen die Griechen jetzt wirklich besser da als wenn es zum Grexit gekommen waere? Kurzfristig sicher ja. Mittelfristig schon extrem schwer zu beantworten. Langfristig wahrscheinlich nein. Aber das Schlimmste ist, dass der Grexit ja nicht einmal vom Tisch ist. In drei Jahren werden Griechenlands Schulden, so projeziert der IWF, weiter explodieren. Die Arbeitslosigkeit wird sich ausweiten. Das soziale Elend wird noch unertraeglicher werden. Das Land wird weiterhin seine Kredite nicht zurueckzahlen koennen. Und in der EU wird es wohl keine Mehrheit fuer ein viertes „Rettungspaket“ geben. Dann wird Griechenland noch schwaecher als es heute ist, die EU verlassen muessen. Und Tsipras wird lediglich die Leiden seines Volkes um drei Jahre verlaengert haben. So zumindest meine Prognose.

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