Die Multi-Quotenfrauen

Gleich zu Beginn der aktuellen Legislaturperiode setzte sich die Große Koalition ein hehres Ziel. Die weitgehend älteren Damen und Herren in der Politik wollen den Anteil von Frauen in Führungspositionen erhöhen. Ab dem Jahr 2015 sollen neu besetzte Aufsichtsräte in mitbestimmungspflichtigen und börsennotierten Gesellschaften eine Geschlechterquote von mindestens 30% aufweisen. Dazu, so zumindest der Koalitionsvertrag, solle ein Gesetz erarbeitet werden, welches die unwollenden Unternehmen auf den Pfad der Tugend zwingt. Und was tugendhaft ist, das bestimmen in Deutschland die Politik und ihre Moralisten.

Das dürfte in mehrerlei Hinsicht spannend werden. So schließt §100 AktG Vielfachmandate aus, auch dies eine moralische Entscheidung auf die Ämterhäufung früherer Jahre. Das Gesetz zwingt also hochqualifizierte Personen sich auf wenige berufliche Funktionen zu beschränken. Doch der Gesetzgeber hat noch weitere Vorarbeit geleistet. §264d des Handelsgesetzbuches verlangt darüber hinaus von kapitalmarktnahen Gesellschaften (also alle, die unter die Quote fallen sollen), dass mindestens ein unabhängiges Mitglied des Aufsichtsrats über Sachverstand auf den Gebieten Rechnungslegung oder Abschlussprüfung verfügen muss.

Gegenwärtig erfüllt nur ein Bruchteil aller Frauen diese letzte Voraussetzung. So sind gerade mal 14% aller Wirtschaftsprüfer weiblich. Sollen also Männer die fachliche Mindestvoraussetzung für AR-Mandate übererfüllen, damit Frauen als Quotentanten, sachverständig für Personal und Marketing, rumtanzen können? Oder nimmt die Politik ihre eigenen Gesetze zukünftig nicht mehr so ernst? Viele Branchen weisen generell einen so geringen Frauenanteil auf, dass fachkompetentes Personal nicht binnen Jahresfrist oder auch auf Perspektive einer Legislatur zu rekrutieren ist. In der Metall- und Elektroindustrie, dem Rückgrat der deutschen Wirtschaft, tummeln sich gerade mal 20% Frauen unter den Belegschaften. Selbst wenn die weiblichen Kombattanten die gleichen fachlichen Qualifikationen und Kompetenzen mitbringen würden, dürfte der Ausleseprozess in manchem Unternehmen ziemlich schwierig werden.

Doch damit nicht genug. In mitbestimmungspflichtigen Betrieben (also allen relevanten Publikumsgesellschaften) werden 50% der Aufsichtsratsmandate per Wahlentscheid unter der Belegschaft vergeben. Die Auswahl hat den Grundsätzen der Mehrheitswahl in allgemeiner, geheimer, gleicher und unmittelbarer Wahl zu entsprechen. Man wird zukünftig die Belegschaften verpflichten müssen, in geheimen Wahlen geschlechtsparitätisch zu wählen. Sicherheitshalber sollten Kameras in den Wahlkabinen den demokratischen Akt überwachen.

Am Wochenende starteten einige „Führungsfrauen“ einen Aufruf an die Bundesregierung und erinnerten sie an das vor Jahresfrist gegebene Versprechen. Anders als der Aufruf in manchen Medien suggeriert, wird er nicht von Frauen unternehmerischer Führungsebenen getragen, sondern ist ein reines Lobbybündnis von Frauenverbänden. Es gibt nur wenige Top-Managerinnen, die sich für eine solche politische Aktion hergeben würden.

Erstaunlich ist, dass die meisten Initiativen auf die Aufsichtsratsmandate zielen. Die vornehme Aufgabe dieses Gremiums nach Aktiengesetz ist, die Geschäftsführung zu überwachen. Operative Aufgaben hat er dagegen nicht. Man kann das auch anders formulieren: die politische Vorstellungskraft von Lobby- und Quotenfrauen erschöpft sich darin, die großen Jungs beim Spielen zu beaufsichtigen, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen.

{ 17 comments… add one }

  • Stefan Sasse 17. November 2014, 12:26

    Stimme in der Problembeschreibung völlig zu, das habe ich schon jahrelang gesagt ^^ Was mich jetzt interessieren würde wäre, welche Lösungsvorschläge du hast?

    • In Dubio 17. November 2014, 13:06

      Wieso Lösungsvorschläge? Ich sehe nicht, dass wir eine politische Lösung bräuchten. Seit ungefähr einem Jahrzehnt machen Frauen im Schnitt den besseren Schulabschluss als Männer. Bis das sich in den Unternehmensspitzen abbildet, braucht es noch mindestens 10-15 Jahre.

      Darüber hinaus kann man nur hoffen, dass Frauen endlich zur Besinnung kommen und ihre Berufswahl weit mehr an monetären Aspekten orientieren als dem Klang einer Branche. Hier habe ich immer noch wenig Hoffnung. Frage ich junge Durchschnittsfrauen in meinem beruflichen Umfeld nach ihrer Präferenz, so fallen immer noch weit überproportional die Stichworte „Marketing“ und „Personalwesen“. In dem einen entwirft man tolle Aktionen, in dem anderen hat man „mit Menschen zu tun“. Sorry, daraus werden keine Führungskräfte. Dann bleibt es dabei, dass Männer die Vorstände dominieren und eine Frau mitspielen darf, wenn sie das harte Brot im Vertrieb, Produktion oder Finanzen gegessen hat.

    • Wolf-Dieter 17. November 2014, 21:25

      In anderen Bereichen dieses Blogs habe ich grundsätzliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit von Frauenquoten geäußert (lasse mich aber immer gern fundiert widerlegen). – In Fortsetzung meines Zweifels erlaube ich mir diese polemische Antwort: Popcorn! Cola!

  • Kning 17. November 2014, 14:07

    Ich frage mich, worin der Mehrwert bestehen soll, wenn mehr Frauen per Quote in die Aufsichtsgremien von Unternehmen berufen werden sollten. Ich gebe dem Autor recht: Die besseren Schulabschlüsse machen Frauen und selbst in den als männlich dominierten Berufsbereichen IT / Ingenieurwissenschaften / Finanzen kommen zunehmend gut qualifizierte Frauen nach, die schon Ihren Weg machen werden.
    Die Diskussion um Frauenquote ist reine politische Zeitverschwendung – dann lieber das politische Kapital in einen wirklich wichtigen Aspekt von Geschlechtergerechtigkeit investieren – die Entlohnung. Frauen verdienen häufig deutlich weniger als Ihre männlichen Kollegen bei gleicher Arbeit.

    Lösungsansatz:
    Innerhalb gleicher Gehaltsgruppen sollen Unternehmen die Durchschnittslöhne nach Geschlechtern ausweisen – sofern hier zwischen den Geschlechtern die Differenzen zu groß werden, sind diese durch die Unternehmen abzubauen.

  • Ariane 17. November 2014, 17:32

    Naja, ich halte Frauenquoten in Aufsichtsräten auch für Quark, aber ich glaube auch nicht, dass es nun die beste Lösung ist, das Problem einfach wegzuwischen.
    Oder einfach daran aufzuhängen, dass die Frauen irgendwie besinnungslos falsche Berufswahlen treffen.
    Selbst wenn die Frauen „zur Besinnung kommen und in die monetären Berufe streben“, hat man dann das Problem, dass die Berufstätigen in den monetären, händeschmutzig machenden Berufen, vielleicht irgendwann eine Familie gründen wollen oder ein Elternteil hilfsbedürftig wird. Und dann steht man wieder vor dem Problem, dass man dafür im Job irgendwo zurückstecken muss oder auf das ganze Familiengedöns verzichtet.

    • In Dubio 17. November 2014, 17:57

      Welches Problem?!

      Die Top-Ausbildungsberufe von Frauen 2013:
      1. Kauffrau im Einzelhandel (Branche mit geringen Gewinnmargen und Einkommen)
      2. Verkäuferin (Branchen mit geringen Gewinnmargen und Einkommen)
      3. Medizinische Fachangestellte (Berufe mit geringem Einkommen)

      Sorry, da beklagt Ihr Frauen Euch, dass Ihr wenig verdient. Männer wählen anders. Ohne Studium jedoch schafft heute keiner mehr die große Karriere. Die beliebtesten Studiengänge:

      Platz Männer Frauen
      1 Betriebswirtschaftslehre Betriebswirtschaftslehre
      2 Maschinenbau Germanistik
      3 Informatik Medizin
      4 Elektrotechnik Rechtswissenschaften
      5 Rechtswissenschaften Pädagogik
      6 Wirtschaftsingenieurwesen Anglistik

      Unter den Top-6-Studiengängen von Männern sind 5, die auf den Karrierepfad gehen. Bei Frauen sind es nur deren 1. Es tut mir schrecklich leid, wer sich da noch wundert, dass Frauen nicht so rasant und in der Menge Karriere machen wie Männer, hat Wirtschaft nicht verstanden. Und ja, Ein Top-Managerjob erfordert mehr als eine 50-Stunden-Woche. Meine beläuft sich auf irgendwo 60-70 Stunden, Samstag ist frei, Sonntag gemütliches Arbeiten. In diesem Jahr habe ich exakt 1 Woche Urlaub genommen (Portugal), einen Großteil des Resturlaubs werde ich zu Beginn 2015 schenken. Das muss man wollen, Ariane. Und dann darf man sich nicht über die Nachteile beklagen. Die Vorteile und das Ergebnis darf einem dann aber auch nicht geneidet werden.

      • Ariane 17. November 2014, 18:46

        Also zunächst mal: ich beschwere mich nicht und neidisch bin ich auch nicht^^

        Mir gehts gar nicht um die Bezahlung oder die Topmanager-Posten. Ist schon klar, dass man Siemens zb nicht in Teilzeit führen kann. Aber deine Argumentation geht dahin, dass einfach alle Frauen ebenfalls auf den Karrierepfad einschwenken sollen und dann wird das schon. Dann hat man die Frauen in Führungspositionen und mehr Geld verdienen sie auch.
        Das bedeutet dann aber, dass die Familie total flach fällt. Wenn du eine Frau dazu hast, die einen ähnlichen Job hat wie du, kann sich niemand mehr um Kinder kümmern (oder um die kranke Mutter). Und diese Problematik tut sich ja nicht bei der Frage um einen Aufsichtsratposten auf, sondern früher: in den mittleren Ebenen. Und das bezieht sich auch nicht nur auf Karriere, auch die Dachdeckerin und der Aldikassierer können nicht beide Vollzeit weiterarbeiten, wenn ein kleines Kind da ist.
        Und das sehe ich eben als Problem -> die heutige Arbeitswelt ist immer noch wie in den 60ern angelegt. Einer macht Karriere, der andere Partner übernimmt die familiären Angelegenheiten. Das passt aber nur noch bedingt zu den heutigen Lebensrealitäten und dadurch entstehen eben Probleme. Wir brauchen da imo eine bessere Mischung.

        • In Dubio 18. November 2014, 11:06

          Nein, ich verlange mitnichten, dass alle auf den Karrierepfad einschwenken sollen. Ich habe großen Respekt vor jenen, die im Leben eine Reihe von Zielen haben und vielfältige soziale Aufgaben übernehmen. Auch wenn es schlecht oder gar nicht bezahlt wird, ist dies unverzichtbar.

          Ich will nur, dass dieses Gerede aufhört, von der Benachteiligung von Frauen, von Einkommensungerechtigkeiten, von verpassten Chancen. Wenn meine Frau so arbeiten würde wie ich, gäbe es keine Kinder, kein gemütliches Heim und viele andere Dinge nicht, die das Leben lebenswert machen. Meine Frau hat einen ähnlichen IQ wie ich, sie hat sich aber für einen anderen Lebensweg entschieden, mit dem sie glücklich ist.

          Mein Punkt ist: ich sehe kein Problem, das der Staat lösen müsste. Das sind innerfamiliäre Probleme, die nur zwei Leute miteinander aushandeln können. Die Quote für Aufsichtsgremien ist eine politische Albernheit hoch zehn, wie das Beispiel Norwegen zeigt. Dort gibt es eine Konzentration der Mandate auf wenige Top-Frauen und das deutet sich schon auf dem deutschen Markt an. Brauchen wir so etwas wirklich?!

          Es sind doch nicht die Unternehmen, die so rückständig sind. Die deutschen Gewerkschaften weigern sich beharrlich, Tarifverträge zu schließen, wo Leistungsentgelte statt Anwesenheitsentgelte vereinbart werden. Ein Mitarbeiter muss bezahlt werden, wenn er auf der Arbeit erscheint, nicht wenn er produktiv ist. Wer verlangt Überstundenzuschläge, selbst wenn ein Mitarbeiter 8 Stunden Däumchen gedreht hat und am späten Nachmittag zu einem Einsatz gerufen wird? Nur dort, wo Gewerkschaften nicht sind, finden moderne Arbeitsformen große Verbreitung. Genauso der Staat: das Arbeitsverhältnis klebt im Steuer- und Arbeitsrecht weitgehend an einer Betriebsstätte und die ist nicht die eigene Wohnung. Vielleicht sollten wir für Veränderungen mal die kritisieren, die ständig kritisieren?

  • Ariane 18. November 2014, 12:01

    Dort gibt es eine Konzentration der Mandate auf wenige Top-Frauen und das deutet sich schon auf dem deutschen Markt an. Brauchen wir so etwas wirklich?!
    Nein, ich halte das auch für Quark. Die Frauen, die schon dort oben angelangt sind, haben sich schon für „den Karrierepfad“ entschieden und sind so alt, dass wohl auch keine kleinen Kinder mehr da sind. Außerdem steigen heutzutage fast alle Frauen irgendwie ins Berufsleben ein. Unten und oben sehe ich daher schon als soweit „gelöst“ an, dass es keine Hilfsmittel mehr braucht.
    Aber eben in der Mitte nicht, grob geschätzt von Mitte 20 bis Mitte 40. Da tritt eben dieser Widerspruch auf, dass man sich überlegen muss, ob man eine Familie gründen möchte und gleichzeitig weiterarbeiten möchte und eine Art Karriere machen möchte. Und ich rede nicht von Extremfällen (5 Kinder und Topmanager werden), sondern vom Durchschnitt. Und das funktioniert eben nicht. Das ist auch der Grund, warum viele Frauen nicht oben ankommen und für Aufsichtsräte zur Verfügung stehen, die „steigen sozusagen aus“, wer mit 30 ein Kind bekommt, ein Jahr zu Hause bleibt und danach noch 6 Jahre Teilzeit arbeitet, bleibt eben auf seiner Stufe stehen. Da gehen die Frauen verloren, die dann nicht für Führungspositionen zur Verfügung stehen.
    Und wenn man sich das mal überlegt, ist das eigentlich eine riesige Verschwendung, meiner Meinung nach.

    Und du hast Recht, das kann nicht der Staat alleine lösen, auch nicht die Unternehmen oder der Privatmann. Um diesen Clash irgendwie aufzulösen, bräuchte es viele verschiedene Lösungen, auch auf unterschiedlichen Gebieten. Das fängt mit Kinderbetreuung an und endet mit Beförderungspolitik.
    Aber in diesem Clash sehe ich eben ein Problem, über das man nachdenken sollte. Eine Quote in mittleren Ebenen hätte bei mir dadurch auch zumindest mehr Zustimmung als eine für Aufsichtsrätinnen.

  • Am_Rande 18. November 2014, 12:45

    Vielen Dank an den Autor, dass er sich die Mühe gemacht hat, die Rechtsliteratur durchzugehen, um so aufzuzeigen, wie sich der interventionistische Staat mal wieder ins eigene Knie schießt.

    Big Daddy Staat ist eben doch nicht der Sugardaddy, den sich die Quotenfrauen wünschen.

    Mir ist bei dem Lesen noch dieses Zitat von Sir Humphrey Appleby eingefallen, wenn es um die Besetzung von Quangos geht:

    „The ideal QANGO appointee is a black, Welsh, disabled, woman, trades unionist.
    We’re all looking around for one of them.“

    😉

  • Stefan Sasse 19. November 2014, 07:56

    Ich denke InDubio macht es sich hier wesentlich zu einfach. Kein Zweifel, dass seine Frau glücklich ist, und ich will auch keinesfalls dieses Familien- und Lebensmodell irgendwie abschießen. Aber die Vorstellung, man könne das in der Ehe einfach „aushandeln“ ist absurd. Wie du selbst sagst, fallen die eigentlichen Karriereentscheidungen schon in der Studienwahl, da kennen sich die meisten späteren Ehepaare noch nicht einmal. Zum Zeitpunkt der Heirat sind doch die wichtigen Entscheidungen längst gefallen.

    • In Dubio 19. November 2014, 08:42

      Verstehe ich Dich richtig, junge Abiturientinnen zukünftig zu zwingen, das „Richtige“ zu studieren? 😉

  • Stefan Sasse 19. November 2014, 17:34

    Keinesfalls! Ich bin ein gläubiger Jünger der freien Wahl. Erinnere dich an unsere Debatte über das Buch „Simpler“ und die „Nudges“ zurück: es geht darum, richtige Anreize zu setzen (oder falsche abzuschaffen).

    • In Dubio 19. November 2014, 20:43

      Dann scheinst Du junge Mädchen für dumm zu halten. Denn die Jungs scheinen irgendwie – völlig ohne Anreizsetzung – schon sehr, sehr lange begriffen zu haben, wie man Geld verdient. Interessanterweise scheinen gerade junge Frauen immer weniger Wert auf Bindung zu legen. Das veranlasst sich jedoch nicht, stärker solche Berufe zu suchen, die ein entsprechend hohes Auskommen versprechen. Unterhält man sich mit so durchschnittlichen Frauen, so wollen sie vor allem ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit, Familie, Freizeit, Freunden und Muße. Alles gern, aber hohe Einkommen fallen eben nicht vom Himmel.

  • Stefan Sasse 19. November 2014, 23:54

    Ohne Anreize? Die Anreize sind doch überall.

    • In Dubio 20. November 2014, 19:37

      Äh, jetzt hast Du Dich selbst widerlegt. Pirouetten…

      Es geht darum, richtige Anreize zu setzen (oder falsche abzuschaffen).

  • Stefan Sasse 20. November 2014, 22:02

    Häh?

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