Widerstand – aber wofür?

Stauffenberg
Wenn jemand Widerstand leistet, dann muss er sich zwei Fragen stellen: wogegen und wofür. Es liegt in der Sache, dass man sich beim „wogegen“ häufig schneller einig ist als beim „wofür“. Widerstandsbewegungen finden sich meist zusammen, weil sich viele Menschen in dem einig sind, was sie ablehnen. Nach ihrem Sieg zerfallen sie dann häufig sehr rasch, weil sie sich nicht einig sind, wofür sie das eigentlich tun. Man sieht dies an der Koalition gegen die Taliban (der „Nordallianz“ von 2001), an der gegen Ghaddafi (2011), man sieht es an den Gegnern Francos im spanischen Bürgerkrieg (1936-39) und man sieht es an Hitlers Gegnern während dessen Regentschaft (1933-1945). Deren Versuch, den Diktator zu ermorden, jährt sich 2014 zum 70. Mal. Bekanntlich scheiterten sie. Das Nachkriegsdeutschland verdrängte ihre Erinnerung und behielt ihre Verurteilung als Staatsfeinde und Verräter bei, ein Schandfleck, der erst ab den 1960er Jahren langsam beseitigt wurde. Heute werden die Attentäter des 20. Juli gerne geehrt und es wird ihrer gerne gedacht, schon allein, weil man damit vermeidet, dubiose Einzeltäter oder, Gott bewahre, Kommunisten an ihre Stelle zu setzen. Aber was wollten Stauffenberg und seine Mitverschwörer eigentlich erreichen?

Ihr eigentlicher Plan ist schnell erzählt: Stauffenberg, nach einer Verwundung Stabsoffizier in Hitlers Hauptquartier, sollte eine Bombe platzieren und den Diktator so töten, während Mitverschwörer die Kommunikation lahmlegen und so die Kommandostruktur der Nazis unterbrechen sollten. In Berlin würde man sich Kontrolle über das in Deutschland stationierte Ersatzheer verschaffen, die ranghohen Nazis verhaften, die Kontrolle übernehmen und den (West-)Alliierten ein Friedensangebot machen. Bekanntlich scheiterte der Plan, an Pech sowie an Planungsfehlern und grundsätzlichen Pannen. Was selten gefragt wird (besonders nicht in Bryan Singers Verfilumg „Walküre“) ist, wie diese neue deutsche Regierung hätte aussehen sollen, und was sie mit dem Krieg mit der Sowjetunion zu tun gedachte.
Gedenkstätte (Phaeton, CC-BY-SA 3.0)
Hierzu muss man etwas mehr ausholen. Stauffenberg und seine Mitverschwörer bestanden vor allem aus zwei sozialen Gruppen: dem alt-liberalen, konservativen Bürgertum Weimars und noch mehr des Kaiserreichs (etwa Goerdeler) sowie dem ostelbischen Junkertum, der Trägerschicht des alten, konservativ-adeligen Preußen. Beide Schichten hatten sicherlich nicht zu den Gegnern Hitlers gehört, als dieser Weimar den Garaus gemacht hatte, und waren bereits eifrige Unterstützer jener autoritären Regime gewesen, die vor ihm kamen: Brünin, von Papen, von Schleicher. Ihre Gegnerschaft zu Hitler erwuchs aus den steigenden Exzessen des Regimes und dem Gang des Krieges, der sich nach Lage der Dinge nicht mehr gewinnen ließ. Diesen Realitätssinn für das Militärische hatten sie Hitler voraus. Auf politischem Gebiet waren sie mindestens ebenso naiv wie dieser. Ihre Vorstellung war ein Friede, vielleicht sogar Bündnis nach Westen, um den Krieg gegen die Sowjetunion zu einem Abschluss bringen zu können, und den Erhalt eines Deutschland in den Grenzen von 1937, vielleicht sogar mit einem Teil der Gewinne der Jahre 1938 und 1939. Das allerdings war 1944 pure Fantasterei.
Innenpolitisch wollten die Verschwörer ein autoritäres Deutschland, das ihrer Meinung nach eine „natürlichere“ Regierungsform war als die republikanische Demokratie oder Hitlers populistische Diktatur. Eine Volksbeteiligung sollte es allenfalls stark gefiltert geben. Doch das wichtigste Ziel überhaupt war Stauffenberg und seinen Mitverschwörern, das alte Deutschland am Leben zu erhalten, nicht so sehr die genaue Organisationsform im Politischen. Dieses „alte Deutschland“ hatte bereits die Weimarer Republik dominiert und damit einen verlorenen Weltkrieg überstanden. Den Männern des 20. Juli war klar, dass sie einen weiteren nicht überstehen würden, denn dieses „alte Deutschland“ verkörperten sie. Sollten Hitler und die Alliierten ihren Willen bekommen und das Reich bis zur totalen Niederlage weiterkämpfen, bedingungslos kapitulieren, dann wäre dies auch das Ende der Schicht, die ihn an die Macht gebracht hatte.
Stauffenberg 1926
Die einzige Möglichkeit, die Existenz der eigenen Klasse zu retten – und den gesamten kulturellen Ballast des „alten Deutschland“ – bestand darin, in den Worten von Treschkows, „vor der Weltöffentlichkeit den entscheidenden Wurf gewagt zu haben“ und so die moralische Lage zu verbessern und dem unvermeidlichen Strafgericht der Alliierten zu entkommen. Vermutlich hätte diese Strategie sogar halbwegs Erfolg haben können, wenn sie nicht durch die Ereignisse ohnehin redundant geworden wäre: das Land, in dem das „alte Deutschland“ kulturell verwurzelt war (Ostelbien) wurde durch den Angriff der Sowjets und die Nachkriegspläne der Alliierten – Stichwort Westverschiebung Polens – deutschem Zugriff (wie sich zeigen sollte: dauerhaft) entzogen. Und die Junkerklasse selbst wurde im letzten halben Jahr faktisch ausgerottet, einerseits durch Hitler selbst, andererseits im Kampf gegen die anstürmende Rote Armee. Der Selbstmord einer Bismarck im heimischen ostpreußischen Gut nur Stunden vor dem Eintreffen der Roten Armee steht exemplarisch für diesen Untergang.
Gegenüber der Gesamttragödie des Krieges und den Folgen für die Deutschen und ihre Nachbarn geriet der Tod dieser Klasse schnell ins Hintertreffen und wurde kaum beachtet. Die Politik der entstehenden Bundesrepublik bestimmte sie nicht mehr, und ihre Überreste in dem, was früher Mitteldeutschland gewesen war und nun „Sowjetische Besatzungszone“ hieß, bevor sich die „Deutsche Demokratische Republik“ gründete, wurden von den sowjetischen Besatzungsbehörden mit Eifer ausgerottet. Stauffenberg und seine Mitverschwörer taugen daher wenig als demokratische Symbole. Sie taugen wesentlich mehr als Symbole moralischer Größe. Sie waren fähig, ihren Irrtum einzusehen und die ultimative persönliche Verantwortung dafür zu übernehmen. Ihre Ziele haben sie damit zwar nicht erreicht. Hätten jedoch mehr Menschen gedacht wie sie, so wäre die vernichtende Hitler-Diktatur früher zu Fall gekommen. Ob das langfristig besser gewesen wäre, ist eine ganz andere, düsterere Frage.

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  • techniknoergler 20. Juli 2014, 19:27

    Ein interessanter Beitrag, zumal er weniger differenziert, als ich erwartet hatte.

    Die Einschätzung des alten Junckertums teile ich. Es entpricht dem, was ich bisher darüber gelesen haben. Bei den Konservativen kommt es schon darauf an, wer genau gemeint ist. Bei den Alt-Liberalen, wie du Sie nennst, entspricht es überhaupt nicht der Sachlage. Es gab unter den Wiederständlern große Meinungsverschiedenheiten, auch bezüglich der Einschätzung der Demokratie. Erst dachte ich, sie würden angesprochen werden. Und dann plötzlich – alle in einen Topf.

    • Stefan Sasse 20. Juli 2014, 20:36

      Ja, ich habe mich auf die eigentliche Verschwörung konzentriert – und da waren die Junker klar in der Überzahl.

  • Am_Rande 21. Juli 2014, 11:07

    Ein interessanter Beitrag.
    Interessant auch, weil Sie anlässlich des Todes von Professor Wehler geschrieben haben:

    „Sie [die Sonderwegsthese] gehört immer noch zu den Standarderklärmustern der neueren deutschen Geschichte, auch wenn sie gerade durch das Weltkriegsjubiläum dieses Jahr stärker unter Beschuss gerät als je zuvor. Die Idee, dass Deutschland gewissermaßen unnatürlich sei und daher der Weg in den Nationalsozialismus erklärbar, ging immer davon aus, dass Frankreich und Großbritannien irgendwie ein Normalfall wären – was sie leider nicht sind.“

    Und in diesem Beitrag schreiben Sie:

    „Innenpolitisch wollten die Verschwörer ein autoritäres Deutschland, das ihrer Meinung nach eine “natürlichere” Regierungsform war als die republikanische Demokratie oder Hitlers populistische Diktatur.“

    Finden Sie es nicht auch interessant, dass die durchdachtesten, das heißt, die über die reine Beseitigung des Reichskanzlers hinausdenkenden Putschpläne von Männern stammen, die gerade nicht in der Geistestradition einer westlichen, liberalen, demokratischen, marktwirtschaftlichen Tradition standen?

    Ist an der Sonderwegsthese nicht doch mehr dran als vielen deutschen Etatisten lieb sein kann?

    • Stefan Sasse 21. Juli 2014, 17:35

      Ich fürchte, der grundsätzlich interessanten Idee liegt ein Prämissenfehler: der Widerstand der verschiedenen Gruppen hatte völlig andere Ziele. Sowohl Demokraten als auch Kommunisten wollten eigentlich nur ihre Strukturen für die Zeit danach aufrechterhalten (was ihnen gelang), während religiös motivierter Widerstand sich eher auf das grundsätzliche Bezeugen einer alternativen Handlung (Stichwort Weiße Rose) erstreckte. Der konservative Widerstand war der einzige, der unter den Bedingungen des Dritten Reichs überhaupt Aussicht auf Erfolg haben konnte. Dieser Zusammenhang wird von praktisch allen NS-Forschern beschrieben. Nur Militärs hatten die Möglichkeit, Hitler nahezukommen und eine Gelegenheit zum Attentat zu haben, niemand sonst. Aber die Militärs waren eben nicht demokratisch, oder die ganze Katastrophe hätte nie ihren Ausgang genommen.

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