Armutsrisiko Deutschland = Schweden

Aus dem neuesten OECD Report zur Entwicklung von Einkommen, Ungleichheit und Armut in der OECD bis 2010:

ungleichheitDESE

(Auf das Bild klicken um zum interaktiven OECD Report zu gelangen)

Deutschland hat ungleichere Markteinkommen als Schweden, wie die linke Grafik zeigt, reduziert diese Ungleichheit nach Steuern und Transferzahlungen aber praktisch auf das schwedische Niveau (s. zweite Grafik). Ebenso reduziert sich die Armutsquote. Einkommensungleichheit und Armutsquote sind zwischen 2005 und 2010 konstant, neuere Daten liegen noch nicht vor.

Ebenfalls heute erschienen: Ein sehr guter Überblick über die negativen Folgen von Ungleichheit auf den gesellschaftlichen Wohlstand bei Wirtschaftliche Freiheit.

{ 16 comments… add one }

  • Kirkd 15. Mai 2013, 09:15

    Ist in S&T auch die Sozialversicherungen enthalten? Da untere Einkommen in Deutschland hauptsächlich mit sozialversicherungsabgaben belastet sind, sieht eine reine Betrachtung der Steuern im internationalen Vergleich meist sehr umverteilend aus, weil in anderen Ländern diese Leistungen im Steuersystem integriert sind.

  • Theophil 15. Mai 2013, 09:34

    Ja sind sie. Die Statistik zeigt die Ungleichheit des „equivalised disposable income“ also des tatsächlich verfügbaren Geldes pro Haushalt. Hier die Definition von Eurostat: http://epp.eurostat.ec.europa.eu/statistics_explained/index.php/Glossary:Equivalised_disposable_income

  • Jan Falk 15. Mai 2013, 10:14

    Nur mal eine Anmerkung: Dass die Unterschiede bei der Armut und Ungleichheit vor und nach Steuern/Sozialstaat in Deutschland so groß sind, ist ein Argument für Steuern und Sozialstaat. Und es zeigt, dass die Verteilung der Einkommen an sich ziemlich skandalös ist, wenn so viele auf zusätzliche Transfers vom Staat angewiesen sind.

    • Stefan Sasse 15. Mai 2013, 10:32

      Das erscheint mir auch als sehr problematisch. Heißt das nicht, dass wir mit Steuergeldern die Ungleichheit ausgleichen müssen, die durch die Lohnpolitik hervorgerufen wird?

      • Theophil 15. Mai 2013, 10:43

        Eigentlich unterstellt es nur, dass „wir“ das wollen und es impliziert, dass die Wohlhabenden durch ihre Abgaben durchaus ihren Beitrag dazu leisten.

        Wir wollen eben zwei Dinge unter einen Hut bringen: Effizienz und Gerechtigkeit. Effizienz heißt hier z.B. das hohe Löhne signalisieren, welche Jobs sehr schwierig, sehr nachgefragt und sehr produktiv sind und welche man meiden sollte, welche Ausbildungswege man finanziell vorziehen sollte. (Um das vorwegzunehmen: Natürlich kann eine Friseurin nicht Programmierin werden. Always think at the margin. Vielleicht kann jeder inkl. die Friseurin auf einen etwas besseren Job wechseln.) Hohe Löhne binden teuer ausgebildete Mitarbeiter.

        Dazu orthogonal möchten wir einen Mindestlebensstandard sichern, gegen Lebensrisiken absichern und erwarten einen Beitrag zur Finanzierung des Staates der abhängig ist von der Leistungsfähigkeit.

    • Theophil 15. Mai 2013, 10:54

      Noch ein wesentlicherer Einwand: Die Ungleichheit der Markteinkommen ist nicht das Gleiche wie die Ungleichheit von Arbeitseinkommen pro Stunde. Die ist ebenfalls deutlich geringer.

      Die linke Grafik misst die Ungleichheit auch zwischen Topverdienern am oberen Ende und Studenten und Arbeitslosen am unteren Ende.

    • techniknoergler 13. Dezember 2013, 00:52

      Erstens bedeutet „angewiesen“ sein hier nicht zum Leben angewiesen sein, sondern… ja für was ist man eigentlich darauf angewiesen? Ich höre als Rechtfertigung für die Definition der relative Armut immer, dass jemand der nicht wie andere Teile der Gesellschaft monatlich in Kino gehen könnten und regelmäßig ins Cafe sich arm fühlen würde. Ohne dazuzusagen, für was jemand auf etwas „angewiesen“ ist suggeriert es, es wäre zum Leben notwendig, aber das ist es nicht.

      Zweitens: Wenn das Verhältnis von Angebot und Nachfrage als Missstand gesehen werden, da die Folge daraus, ein unterschiedlich hoher Marktlohn und damit auch unterschiedlicher Wert der Arbeitsleistung eines Menschen als ungerecht empfunden wird, dann müsste das Verhältnis von Angebot und Nachfrage geändert werden. Alles andere wäre nur Symptombehandlung, die nichts am Missstand auf dem Arbeitsmarkt ändert. Der lässt sich auch gar nicht durch Lohn_politik_ ändern (sofern damit Eingriffe des Gewaltmonopolisten gemeint sind und nicht das Verhalten der Tarifpartner), denn ein gesetzlich regulierter Lohn wäre _per Definition_ kein Marktlohn mehr, sofern seine Höhe durch die Regulierung geändert wird. Da kann man auch bei Transferleistungen bleiben, es wäre besser als das Termometer zu manipulieren, weil einem die Temperatur nicht passt.

  • Theophil 15. Mai 2013, 10:33

    Zu 1) Es ist zumindest ein Argument für die Effektivität des Sozialstaates. Die Ungleichheit ist noch geringer, wenn man die Konsumungleichheit misst, in die auch eingehen würde, dass alle praktisch die gleiche Krankenversorgung bekommen. (Und ich halte die Krankenversorgung, die die PKV finanziert, nicht für effektiver.)

    Zu 2) Du unterstellst, dass die meisten auf die Transfers angewiesen sind. Woran würde sich „angewiesen sein“ messen? Das klingt nach einem Kriterium absoluter Armut, also Deprivation. Wir messen und reduzieren aber eine relativ definierte Armut.

    Ansonsten musst Du wenigstens feststellen, dass Deutschland zu den Handvoll Ländern mit der geringsten Ungleichheit gehört, weil sie in den meisten OECD Ländern höher ist und in den ärmeren Nicht-OECD Ländern sowieso. Das heißt nicht, dass in Deutschland nicht einiges besser funktionieren könnte. Aber es relativiert in meinen Augen das „skandalös“.

    • Jan Falk 15. Mai 2013, 10:46

      Mehr als 30 Prozent wären ohne Transfers arm.

      • Theophil 15. Mai 2013, 11:02

        Relativ arm, nicht absolut arm im Sinne eines Mangels an essentiellen Gütern. Das ist ein Unterschied. Ich will damit nicht das Konzept relativer Armut lächerlich machen.

        Relative Armut heißt hier eben auch, dass Einkommen in Anklam und Pasewalk mit dem gesamtdeutschen Durchschnitt verglichen werden. Arbeitslose sind arm, Studenten sind arm, viele Rentner dürften arm sein, auch wenn sie das Haus in dem sie leben besitzen (gerade im Osten auf dem Land). Das ist eine sehr heterogene Gruppe, weshalb ich die Zahl 30% für bedeutungslos halte.

        Arbeitslos / unterbeschäftigt / Hartz-Aufstocker trotz Vollzeitjob / ohne Schulabschluss und Ausbildung sind mMn aussagekräftigere Kategorien.

      • Kirkd 15. Mai 2013, 11:47

        Was ist den ein Transfer? Sozialhilfe und Aufstocker oder auch Renten, Elterngeld?

        • Theophil 15. Mai 2013, 11:52

          Renten sind Einkommen, Elterngeld ist Transfer.

      • Kirkd 15. Mai 2013, 11:50

        Sinkt die Zahl der Armen hier eigentlich aufgrund staatlicher Transferleistungen oder aufgrund des statistischen Effektes, dass die Steuerlast auf hohe Einkommen das Durchschnittseinkommen senkt und daher die relativ zum Durchschnittseinkommen bestimmte Armutsgrenze sinkt?

        • Theophil 15. Mai 2013, 11:53

          Das ist eine gute Frage, die mir auch gerade durch den Kopf ging. Beides wahrscheinlich.

        • Theophil 15. Mai 2013, 12:47

          Ich würde hoffen, die relative Armut nach S&T berechnet sich anhand des Medianeinkommens vor S&T um diesen Effekt zu eliminieren. So genau stand das aber nicht im Report. Ich habe eine E-Mail an die Berliner Pressesprecherin geschickt und warte auf die Antwort.

          • Theophil 15. Mai 2013, 14:16

            Und da habe ich falsch geraten. Die Pressesprecherin hat mich auf die entsprechende Fussnote hingewiesen. Die 8% Armutsquote in der rechten Grafik ist relativ zum Median des disposable income, also des Einkommens nach Steuern und Transfers.

Leave a Comment