Wer schreibt ein Paper über den Mindestlohn im Friseurgewerbe?

Ich hoffe, es gibt einen Doktoranden in Deutschland, der den Effekt des Mindestlohns auf die Beschäftigung im Friseurgewerbe untersuchen möchte. Ich halte es für denkbar und empirisch belegt, dass gemäßigte Mindestlöhne keinen großen Effekt auf die Beschäftigung haben. Aber ich fürchte, dass eine Erhöhung der Löhne um 150% einen Effekt auf die Beschäftigung haben muss.

Seit den 70er Jahren bildeten Friseurbetriebe über den Bedarf aus und profitierten so von billigen Hilfsarbeitskräften. So entstand das heutige Überangebot von Friseurbetrieben, wie die Süddeutsche schon vor zwei Monaten schrieb, und der enorme Preisdruck. Der Hauptgeschäftsführer des Friseur-Zentralverbands befürwortet jetzt einen Mindestlohn, weil das Friseurhandwerk “Nachwuchsprobleme” habe. Die Bewerber um Ausbildungsplätze als Friseur gingen laut obigem Artikel um 12% zurück. Ein Zeichen der Vernunft, würde ich meinen. Vielleicht kann man sich an dieser Stelle fragen, warum aktuell überhaupt jemand Friseure ausbilden sollte, statt das existierende Überangebot abzubauen.

Meine gewagte Prognose, die ich ohne Ironie gerne widerlegt sehen würde: Der Verdienst selbständiger Friseure wird durch den Mindestlohn nicht steigen, die Beschäftigung im Friseurgewerbe wird insgesamt sinken, diese Wirkung ist zumindest teilweise intendiert, die Zahl der Auszubildenden wird wieder steigen und der Konkurrenzdruck auf die etablierten (und organisierten) Betriebe wird sinken.

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  • Skalg 25. April 2013, 05:35

    Das würde nur stimmen, wenn die Nachfrage einbrechen würde, wenn also eine signifikante Anzahl Menschen nicht mehr zum Friseur geht wegen gestiegener Preise.
    Ich habe grad Aussagen von Frisören gelesen, dass die Preise um 20-30 Prozent steigen werden. Bei dem berühmten Preis für Diskount-Haarschnitte wäre das eine Steigerung um 3 Euro, also 13 Euro. Irgendwie fühlt sich das nicht an wie ein Preis, der Leute dazu bringt, gar nicht mehr zum Friseur zu gehen – und wenn alle Mitziehen, kann man auch nicht zum Konkurrenten ausweichen.

    • Theophil 25. April 2013, 07:28

      Das stimmt natürlich. Es könnte aber sein, dass die Menschen dann einfach 30% seltener zum Friseur gehen. Das scheint mir nicht unmöglich, aber vllt ist das ein persönlicher bias.

  • chriwi 26. April 2013, 12:57

    “ Das scheint mir nicht unmöglich, aber vllt ist das ein persönlicher bias.“
    Am Anfang vielleicht schon. Allerdings hat eine Verteuerung des Benzins auch nicht dazu beigetragen, dass man weniger Auto fährt. Die Menschen murren und weichen dann dennoch nicht von ihren Gewohnheiten ab.

    • Theophil 26. April 2013, 14:39

      Das musste ich natürlich gleich googlen 🙂

      Der Benzinverbrauch in Deutschland ist zwischen 1996 und 2011 von 39 Milliarden l auf 27 Milliarden l gesunken, der Dieselverbrauch in der gleichen Zeit von 7 auf 16 Milliarden l gestiegen. Netto also noch eine leichte Reduktion bei gestiegener Gesamtfahrleistung, d.h. die Effizienz ist gestiegen. Die Frage ist ja wie immer, was wäre gewesen, wenn der Benzinpreis nicht gestiegen wäre.

      Mehr Zahlen in dieser DIW Studie: http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.411737.de/12-47-1.pdf

      • Jan Falk 26. April 2013, 15:17

        Die Zahlen scheinen mir eher zu zeigen, dass der Benzinpreis nicht genug gestiegen ist 😉

        • Theophil 26. April 2013, 15:24

          FYI: Der Economist hatte neulich eine Statistik, dass die Benzinsteuern in Deutschland einem CO2-Preis von 280 € / t entsprechen.

          Ich würde eher sagen, das zeigt, das die Nachfrage nach Benzin extrem unelastisch ist. Ich denke, das ist beim Friseurbesuch etwas anders. Was soll der Reihenhausbewohner in Hintertupfingen machen, wenn der Benzinpreis steigt? Es gibt ja trotzdem keine S-Bahn. Interessant wäre, wie sich die Fahrleistung in Ballungsräumen mit gutem ÖPNV entwickelt hat.

          • Jan Falk 26. April 2013, 15:38

            Der Reihenhausbewohner in Hintertupfingen soll sich einen 3-Liter-Lupo kaufen.

            Aber im Ernst: Kann schon sein, dass die Steuerungswirkung über den Preis nicht so gut funktioniert hat. Dann müsste man aber als Alternative mal die Standards für Neuzulassungen anheben. All die technischen Innovationen und Effizienzsteigerungen sind in den letzten Jahren scheinbar nicht in geringeren Verbrauch umgesetzt worden. Das sieht doch eher ernüchternd aus:

            http://www.umweltbundesamt-daten-zur-umwelt.de/umweltdaten/public/document/downloadImage.do?ident=24158

            Stattdessen werden immer mehr spritschluckende SUVs gekauft (die wirklich niemand braucht!)

            http://www.spiegel.de/auto/aktuell/erfolg-der-suvs-bringt-herstellern-co2-probleme-a-882655.html

          • Theophil 26. April 2013, 15:41

            Guck Dir mal die DIW Studie an, die ich verlinkt habe. Der Durchschnittsverbrauch ist schon gesunken. Die Steuerung über den Preis bringt mehr als neue Vorschriften. Die wirken ja nur auf neuzugelassene Autos. Ich war gerade in Darmstadt: Nachwievor eine Stadt ausschließlich für das Auto. Wenn dann muss sich beim Städtebau etwas ändern.

          • Jan Falk 26. April 2013, 15:55

            Ist auch alles eine kulturelle Frage. Das Auto ist leider bei uns neben einem Gebrauchsgegenstand zur Fortbewegung vor allem Fetischobjekt und Statussysmbol, was eine Durchsetzung vernünftiger Standards (3 Liter Obergrenze) so schwer macht.

          • Jan Falk 26. April 2013, 17:21

            Aber hey, alles kein Problem. „Auch in bürgerlich-konservativen Kreisen pflegt man heute einen umweltbewussten Lebensstil“, informiert uns die ZEIT. Dann kann ja nix mehr schiefgehen 😉

            http://www.zeit.de/politik/deutschland/2013-04/schwarz-gruen

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